19 Dezember 2011

Chiemgauer e. V. : Offener Brief an Willi Eicher, Geschäftsführer der Stromversorgung Inzell eG

Lieber Willi,

gerade lese ich in der Internetausgabe des Traunsteiner Tagblatt folgendes:


Inzell. Am Teisenberg könnte bald umweltfreundlich und ressourcenschonend Strom erzeugt werden: Die Initiative »Klimawerkstatt Inzell« hat die 2002 vorübergehend ad acta gelegten Planungen für ein Kleinwasserkraftwerk am dortigen Hochbehälter wieder aufgegriffen.

In der genossenschaftlich organisierten Stromversorgung Inzell (SVI) haben die Bürger bereits einen interessierten Partner gefunden: »Wir würden das Kleinkraftwerk bauen und betreiben«, sagt der neue Geschäftsführer Willi Eicher auf Anfrage. Nutzen hätte auch die Wasserversorgung der Gemeinde Inzell, die bis dato am Hochbehälter keinen Strom hat. Nun gilt es nur noch, das Ergebnis einer Langzeitmessung der Quellenleistung von April 2011 bis April 2012 abzuwarten und das Ganze noch einmal durchzurechnen. Der SVI würde es reichen, wenn unterm Strich eine schwarze Null bleibt.
Die »Klimawerkstatt Inzell« begann 2008 als Forschungsprojekt der Technischen Universität München (TUM) in Kooperation mit »Chiemgauer e.V«, den in Inzell Elisabeth Koch betreut. Die aktuelle Idee entstand in einem Gespräch der Werkstatt-Teilnehmer Hans Huber und Martin Hallweger, langjähriger Inzeller Wassermeister.



Als Mitglied und Kunde der Stromversorgung Inzell eG erlaube ich mir dazu ein paar Anmerkungen:

1. Zuständiges Entscheidungsorgan für eine solche Investition ist die Generalversammlung der Genossenschaft. Du entscheidest hier nicht alleine wie ein chinesischer KP-Funktionär, da das Wesen einer Genossenschaft auf demokratischen Grundsätzen beruht.

2. Inzell wird von zwei Stromleitungen erschlossen. Ein Kleinkraftwerk ist sinnlos, zumal Wasserkraft den geringsten Wirkungsgrad hat. Ein Spaßkraftwerk werde ich nicht mitfinanzieren.

3. Das Projekt wird von Chiemgauer e. V. vorangetrieben. Chiemgauer e. V. unterstützt die antroposophische Sekte Rudolf Steiners. Sie führt die größten Anteile der erzielten Gewinne steuerfrei an ihre Waldorfschulen ab (http://www.chiemgauer.info/informieren/statistik/).


Ich werde mich in der Generalversammlung klar gegen eine beabsichtigte Beteiligung an einem Unternehmen der antroposophischen Sekte aussprechen. Das hat folgende Gründe:

Wir haben Jahrhunderte gebraucht, um unsere Kleinteiligkeit zu überwinden, größere Staaten, Währungen und Unternehmen geschaffen. Dieser Entwicklungsprozess ist Grundlage unseres jahrzehntelangen Wohlstands; nicht der Betrieb von Kleinkraftwerken und auch nicht die Unterhaltung lokaler oder regionaler Währungen. Ich werde auf diesen Wohlstand und die gebotenen Möglichkeiten nicht verzichten.

Die soziale Gerechtigkeit besteht in unserer Gesellschaft aus Institutionen, die allen Menschen Zugang gewähren sollen, unabhängig von Stand, Klasse oder sonstigen Eigenschaft, die für Diskriminierungen aller Art herhalten. Zu diesen Institutionen gehört die katholische Kirche, die allen die Möglichkeit gibt, Glaubenserfahrungen zu machen und das auf der Basis einer nachvollziehbaren (heiligen) Schrift. Dazu gehören jedoch auch Währungen, die von demokratischen Organen überwacht werden und die als gesetzliches Zahlungsmittel gelten. Jeder der einen Euro hat, darf damit etwas kaufen. Zu diesen Institutionen gehören auch die staatlichen und kommunalen Grundschulen, die jedem Kind Lesen, Schreiben, Rechnen und nützliche Dinge beibringen. Und dies ohne sektiererische Indoktrination von Esoterikern, sondern auf gesundem Boden.

Die antroposophische Sekte durchschleicht seit einigen Jahren mit den sogenannten Regionalwährungen die Gesellschaft. Ich wünsche mir das nicht und stelle mich klar und deutlich hinter unsere staatlichen und kirchlichen Institutionen und zwar dann, wenn sie weiterhin allen offen stehen und gleichermaßen Rationalität, Emotionalität und für ganz wenige Spiritualität ermöglichen.

Für die Chiemgauer Sekte gibt es von mir keinen Cent.


MfG

Stefan Engelsberger, Dr. phil.