13 Dezember 2010

Gabriele Pauli, CSU, FDP, ÖDP, Piratenpartei und andere Parteien




Unter der Rubrik „Wahlplakate, die nie geklebt wurden“ eröffne ich heute das Thema politische Parteien. Das Plakat im Bild ist ein Entwurf für den Bundestagswahlkampf 2009 und sollte an ausgewählten Orten in München platziert werden. Warum das nicht geschah, erzähle ich hier. Ich nehme das zum Anlass grundsätzliche Begebenheiten und Zustände der politischen Parteien in Deutschland anhand meiner eigenen Beobachtung über vierzig Jahre hinweg zu beschreiben. Zum Schluss beschreibe ich dann die Gründung und den Zerfall der Freien Union; der Pauli-Partei. Es handelt sich um eine Art Aufräumarbeit.

Ich bin mir sicher, dass viele meiner Generation ähnliche Erfahrungen gemacht haben und ähnliche Schlüsse für ihre politische Einstellung und ihr politisches Handeln ziehen. Meine eigene parteipolitische Biographie führte letztendlich ins Nichts. Die Einsicht dazu verhilft, die Sache nüchtern zu betrachten. Die Dinge sind halt so, wie sie sind.

Der Einstieg in mein politisches Leben war von Interesse an der Sache geprägt. So lieh ich mir in der Inzeller Gemeindebücherei ab dem lesefähigen Alter Bücher über König Ludwig II, Hitler, 2. Weltkrieg, Deutsche Reichsgründung, Goebbels Tagebücher, Katharina die Große, Konrad Adenauer und andere Wälzer aus. Der damalige Büchereileiter und Volksschullehrer Franz Küfmann verkniff sich bei der Ausleihe die Bemerkung nicht, ob dies nicht etwas trocken sei. Wahrscheinlich werden solche Bücherwürmer heute als Nerds bezeichnet. Ich jedoch fand diese Dinge spannend. Eine großangelegte bürgerliche Partizipation gab es damals in Inzell nicht. Es herrschte in etwa allmächtig der damalige Bürgermeister Ludwig Schwabl. Gemeinderatsabstimmungen waren in der Regel einstimmig, obwohl die CSU die Mehrheit hatte und Schwabl Sozialdemokrat war.

Die erste politische Veranstaltung war im Frühsommer 1981 im Bräu. Der damalige Junglehrer Hans Scheurl  wagte es, einen Ortsverband der Grünen aufzumachen und brachte völlig neue Dinge zu Tage wie Bürgerbegehren, Bürgerentscheid, plebiszitäre Elemente. In einer bäuerlich geprägten Gesellschaft, in der nur Wenige das Sagen haben, war das eine Ungeheuerlichkeit. Scheurl kam aber tatsächlich in den Gemeinderat, weil es in der bäuerlichen Bevölkerung auch und -für mich Gott Sei Dank- Strömungen gab, die sich auf die Bewahrung der Landschaft und Lebensgrundlagen ausrichteten. Ludwig Schwabl hatte nämlich auf eine strikte Wachstumspolitik gesetzt mit immensen Landschaftsverbrauch und Heimatverkauf um jeden Preis. Die Grünen brachten erstmals das Thema Umwelt auf den Tisch. Von Scheurl bekam ich ein Buch geschenkt, in dem mich ein Aufsatz des Professors Peter-Cornelius Mayer-Tasch zu Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung besonders bewegte. Ich glaubte fortan, jeder könne in der Demokratie etwas zur politischen Entwicklung beitragen.

Zu den Grünen ging ich jedoch nicht, sondern zur CSU. Und das gestaltete sich so: Nachdem der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt von der SPD abgesägt wurde, ergab sich Sammlungsgefühl des sogenannten bürgerlichen Lagers. Als Kleingewerbetreibende konnten mein Eltern nie mit Sozis, Nazis, Kommunisten oder anderen Parteien, die das Privateigentum und persönliche Freiheit gefährdeten, etwas anfangen. Und so fühlte auch ich zwischen 1981/82 eine Art Aufbruchstimmung, zumal auch der Franz-Josef Strauß das Maul aufriss und es immer hochwertige politische Unterhaltung gab. Wir wuchsen mit Figuren wie Herbert Wehner, Willi Brandt, Joseph Beuys und Petra Kelly auf. Diesen intellektuellen und energiegeladenen Gegnern konnte nur Strauss mit rhetorischer Verve entgegentreten und er band viele Bürgerliche, denen Helmut Kohl und Genschman einfach zu lasch waren. So ergab es sich  dann, dass im Frühsommer 1982 der CSU-Ortsverband Inzell mit einem Bus nach München fuhr. Dort fand eine Großdemonstration der CSU Bayern statt, auf der über 50.000 Leute zugegen waren. Die Stimmung war gelöst. Die örtlichen CSU-Bosse und Helfer nahmen ein Wagerl mit einem Bierfass mit, auf dem stand „Uns stinken die Linken“: eine klare Ansage. Mit diesem Wagerl kamen wir bis vor die Tribüne und versorgten den Franz-Josef persönlich, der sich tatsächlich eine Halbe ex gab und schwitzte wie ein Schwein. Die Menge wurde von Strauß zuschwadroniert und zur Begeisterung getrieben . Scharfschützen standen auf den griechischen Tempeln des Königsplatzes herum und die Demonstranten bedankten sich bei den Bullen: „Danke, dass Ihr uns beschützt !“ Danach im Augustiner Biergarten gab es noch einen lustigen Ausklang und ich war so begeistert von dieser politischen Veranstaltung, dass ich noch im Bus meinen CSU-Beitrittsantrag unterschrieb.

Die Wahl Helmut Kohls führte dann zu einem unvorstellbaren Aufschwung. Die Aktien- und Anleihekurse schossen in die Höhe und ich trat eineinhalb Jahre später auch in die Junge Union ein. Dort lief ich so mit; es gab mal ein Fest, aber 1985 bekam ich dann einen Politikrappel und gründete am damaligen Chiemgau-Gymnasium Traunstein mit ein paar Kumpels die Schüler Union und verteilte zum 40jährigen 8. Mai ein Flugblatt. Der Grundstein war gelegt, und wir zofften uns sofort mit Gegnern zwei Stunden lang im Büro des Direktors, weil den linken Herausgebern der Schülerzeitung eine Karikatur mit einem DDR-Mauersoldaten zu hart war. Die Linken konnten sich durchsetzen und die Karikatur zensieren. Das stinkte mir so, dass ich mit der Schüler Union härtere Gefechte durchführen und mich zum Vorsitzenden wählen lassen wollte. Ich war damals im Beisitzer im Kreisvorstand der Landkreis-JU, den damals Peter Ramsauer führte. Das waren im ganz freundliche Treffen und man lernte viele Dorfwirtschaften im Landkreis kennen. Peter Ramsauer war bei der Wahl zum Vorsitzenden der Schüler Union zugegen. Ich verlor mit einer handvoll Stimmen, weil ich nicht genügend Kumpels zusammentrommeln konnte. Eine Wahl zum Vize lehnte ich ab, weil ich wusste, dass der Sieger passiv war und nichts unternehmen würde. Ich wollte nicht unter ihm buckeln und meine Zeit verschwenden. Die Schüler Union ging im Laufe der Monate ein. Und ich ging durch Austritt, weil ich als Mitglied der Null-Bock-Generation diesen bekam.

1987 organisierte ich eine Bürgerinitiative gegen eine sinnlose Umgehungsstraße in Inzell und bekam von Ludwig Schwabl persönlich einen sauberen Wortentzug bei einer Veranstaltung und vom Lehrer Otto Ripper eine gescheite Zensur im Inzeller Gemeindeanzeiger. 1990 ging ich dann auf eine Liste der Unabhängigen Wählergemeinschaft. Ich erreichte einen Achtungserfolg als 24jähriger durch Verbesserung um drei Listenplätze nach vorne. Zu dieser Zeit wurde ein Bürgermeisterkandidat in Veranstaltungen mit seinen 40 Jahren noch als „Junge Nachwuchshoffnung“ bezeichnet. Bis etwa 35 war politisches Denken ohnehin exotisch und politische Beteiligung -gar in Parteien- wenig geachtet. Hans Scheurl, der Dorfgrüne, galt ungefähr 20 Jahre lang der Vertreter der Jugend. Ich war von ihm nicht mehr so begeistert, als ich sah, dass er ein Haus im ursprünglichen Außenbereich bauen durfte, direkt am Naturschutzgebiet. Die grünen Ideale waren offensichtlich beim Teufel.

So nahm ich mir also ein Herz, ging nach München und begann dort eine neue Karriere als einfaches Mitglied des CSU-Ortsverbands Schwabing unter der Leitung von Ludwig Spaenle. Spaenle behandelte die Mitglieder zuvorkommend jovial und nahm uns auf die Bürgerversammlung mit, wo wir ein paar schneidige Anträge einreichten. Offensichtlich aber motzte ich als Liebhaber hitziger Debatten zu viel, was mir Sven Thanheiser mal im Nachtcafé rein rieb. Ich ließ die ganze Sache einschlafen und trat irgendwann 1992/93 wieder aus. Der Besuch eines CSU-Balls war mir im Grunde genommen zu spießig; ich fühlte mich nicht angezogen.Thanheiser lieferte sich dann einen vielbeachteten Machtkampf, verlor, und setzte seine politische Aktivität bei einer Splittergruppe und dann bei der SPD fort, mit der er in den Stadtrat kam. Ludwig Spaenle klebte in der Leopoldstraße eigenhändig seine Wahlplakate und wurde Kultusminister.

Aufgrund einer Verbesserung meiner finanziellen Verhältnisse konnte ich endlich mein Traumstudium an der Hochschule für Politik beginnen. 1996 fanden sich dann Mitstreiter zur Gründung einer RCDS-Hochschulgruppe, aus der Markus Blume und Dorothee Bär hervorgingen. Das Erstaunliche an dieser parteipolitischen Gruppierung war die ungeheure Professionalität, mit der die zehn Jahre Jüngeren an die Sache herangingen. Die verbrachten wenig Zeit mit Auseinandersetzungen im eigenen oder anderen politischen Lager und das war ein Vorgeschmack auf den Wandel, hin zur Berliner Republik, wie wir sie heute kennen. Wenig bis kein Profil oder Originalität, aber effizient in der Informationsaufnahme, Kommunikation und Vernetzung. Suff schon gleich gar nicht. In einer JU-Zeitung von 1983 machte Ramses (=Peter Ramsauer) noch Gags über zu viel Weißbier bei der Landesvorstandssitzung. Die politische Kultur, so sah ich, hatte sich grundlegend geändert. Sturschädel wie Peter Gauweiler oder Skandalnudeln wie Aribert Wolf oder Joachim Haedke waren schon um die Jahrtausendwende Auslaufmodelle.

Ende der 90er wurde ich dann erstmals auf die ÖDP aufmerksam, die in München Mitstreiter hatte. Ich  lernte Thomas Prudlo kennen, der sich nicht zu schade war, für eine Wahl auf aussichtslosem Posten zu kandidieren und Plakate zu  kleben. Prudlo war deshalb interessant, weil er seinen konservativ-ökologischen Lebensstil mit ökonomischen Mitteln zu verwirklichen versuchte. Er tat dies über Jahre hinweg über den Aufbau von Green City Energy. Das ist ein Ableger oder sogenannter Spin-Off des Idealvereins Green City. Prudlo konnte sich mit seiner Firma etablieren, hielt sich aber weitgehend an seine Überzeugungen, in dem er sich auf lokale Projekte wie dem Praterkraftwerk beschränkte und nicht hirnlos halb Spanien mit Solarkraftwerken und Sachsen mit Windkraftanlagen zuballerte. Die ÖDP war also in mein Bewusstsein getreten und sie brachte 1997 das Volksbegehren für die Abschaffung des Bayerischen Senats auf den Weg. Die CSU verstimmte mich damals durch ihre Lobbyarbeit. Dass der Senat ein Auslaufmodell der alteingesessenen Verbands- und Kammerwirtschaft war -ein Umverteilungsorgan- wussten viele. Trotzdem schoben die Senatsbefürworter in Broschüren und der Werbung einen Mann im Rollstuhl vor und behaupteten, der Senat sei für sozial Schwache, Behinderte, usw. da. Da wurden also Leute und Minderheiten missbraucht, um die Abzocke der Etablierten zu rechtfertigen. Es war schlichtweg unerträglich und ich wählte 1998 die ÖDP, die mal wieder nicht in den Landtag kam. Wenigstens lief mir am Wahlabend der ÖDP-Boss Bernhard Suttner auf dem Weg zum Ritzi hinter dem Maximilianeum über den Weg. Er sah wie immer aus, als würde er nach einem Jutesack riechen, und ich konnte ihm zurufen: "I hob Eich g´wäit." 

Edmund Stoiber war damals schon verbraucht, obwohl er noch Machtzuwachs bekommen sollte. Wenn Bayern etwas von Stoiber bekommen hatte, dann waren es seine Appelle um 1994/95 herum: mehr Leistung, mehr Risiko, Internationalisierung. Viele der Null-Bock-Generation kratzten noch mal die Kurve, begannen Ausbildungen, Studien und rissen sich mehr den Hintern auf als die ganzen zwanzig Jahre zuvor. Die Appelle Stoibers kamen aber langsam nicht mehr an und man wollte um die Jahrtausendwende nicht sparen, sondern mit und durch die Kohle der Börsenexzesse die Sau rauslassen.

Es vergingen dann einige Jahre, in denen Parteien überhaupt keine Rolle spielten und ich sogar nicht mehr an Wahlen teilnahm. In Inzell schlief in den 90ern, dem verlorenen Jahrzehnt, die Politik völlig ein und ich versuchte, Kontakt zur Jungen Union aufzunehmen, weil ich sah, dass sich etwas ändern musste. Ich wurde damals tatsächlich von einer Gruppe junger Leute und dem verschlafenen CSU-Boss angehört und war erstaunt, dass sich da etwas tat. Die damalige Junge Union hatte offensichtlich Zulauf und mit Siegfried Walch ein Partei-Politik-Tier. Walch wurde 2008 in den Inzeller Gemeinderat gewählt; ist damit vielleicht 20 Jahre der Vertreter der Jugend und nimmt an einstimmigen Gemeinderatsentscheidungen teil. Meine Unterstützung für die unabhängige und liberaler anmutende Gruppe "Forum Aktiv" im Kommunalwahlkampf 2002 schlief ebenso ein.

Politisch wild wurde ich, als ich als Kapitalanleger in die Argentinienpleite hinein geriet. Was anfänglich noch als interessanter Fall der Internationalen Finanzpolitik aussah, entwickelt sich immer mehr zu einem globalen Schmierentheater weniger Abzocker, die in allen möglichen Behörden und Parlamenten dieser Welt saßen. Es waren damals keine Großbanken, sondern kleinere Banken und Privatanleger betroffen und so mussten wir uns  von Leuten wie Bundesbankbetonkopf Jürgen Stark, Anlegerhasser Joachim Poss (Sozi im Bundestag) und den Finanz-Hiwi Horst Köhler mit einem Grinsen im Gesicht sagen lassen, wir seien nicht systemrelevant. Das Thema Umschuldung wurde keins; kein einziger Politiker wurde richtig aktiv und versuchte, auf den Komplex hinzuweisen. Es wurden zigtausende deutsche Anleger richtig abgezogen und es entstanden Milliardenverluste, die schön aufgeteilt waren und nicht in den Bilanzen von Großbanken erschienen. Das Individuum wurde verraten, mir wurde klar, dass ich und andere nichts zu melden hatten, sondern der Politik- und Verwaltungsbetrieb nur die üblichen Großkonglomerate aus der Finanz- und anderen Industrien als Zielgruppe im Visier hatten. Der Privatanleger ist nämlich politisch irrelevant, da nicht organisationsfähig. Auf ihn kann man ordentlich einschlagen, ihn als Dreckspekulanten bezeichnen und damit Stimmung machen. Privatanleger haben null Lobby. Die Zeit war also gekommen, in einer Partei das Thema zu kommunizieren und zu versuchen, auf diesem Wege etwas zu erreichen. Die einzige Möglichkeit bot die FDP. Die Freien Wähler waren bundespolitisch nicht existent und die Unionsparteien hatten sich zu Sozialisten gewandelt. Kleinunternehmer und Privatiers wurden zu Parias der rot-grün-christsozialistischen Politikoligarchie. Es ging um die eigene Existenz.

Ich trat also der FDP bei und ging irgendwann 2004 zu einem Stammtisch des FDP-Kreisverbands Traunstein in den Sailer Keller. Die FDP ist in diesem CSU-Gäu eine ausgesprochene Randgruppe und so waren auch nur drei Leute anwesend. Der Vorsitzende war ein gemütlicher Mann, der aussah wie der Kommissar von den Rosenheim Cops und auch so viel Schweinsbraten aß und Weißbier trank. Es ging um Themen, wie toll es doch in Traunstein sei und wie beschissen in München und ich verließ die Veranstaltung mit dem Wissen, dort wegen Lebenszeitverschwendung nicht mehr einzulaufen. 2005 hatte ich dann die Schnauze von der Politik und der FDP, die im Grunde genommen bundesweit nichts unternahm, so voll, dass ich meinen Lanvin-Anzug aus dem Schrank holte und mich als Politik-Yuppie mit Leinwand, Laptop und professioneller Powerpointpräsentation dem FDP Parteivolk zur Bundestagswahl stellte. Der als sicher gehandelte Rosenheimkommisar schnaufte kurz auf und brachte als Statement, er sei verheiratet, habe ein paar Kinder und wolle mehr Soziales schaffen. Ich zeigte meine Argentinienaktivitäten, wies auf die Wichtigkeit einer Interessenvertretung von Bürgern hin, die nicht vertreten werden und erntete ein Aufschnaufen und Auf-Die-Uhr-Sehen. "Wie wollen Sie so bei den Leuten ankommen?" Null Stimmen für mich und der dezente Hinweis einer Lehrerin, ich solle doch mit meinen Ambitionen zur CSU gehen.

Ich musste also den Kreisverband wechseln. München war nun das Eldorado der gelb-blauen Truppe und dort fand ich mich bei einer Veranstaltung in Neuperlach ein, die modern war: Wir sollten politische Themen nennen und darüber abstimmen, welche behandelt werden sollten. Ich entschied mich für ein polarisierendes Politikfeld: Die Stadtverwaltung sollte mal den Münchner Taxiunternehmen einheizen. Die Fahrer hätten keinerlei Kenntnisse mehr, würden schon bei der Zieladresse Stachus auf den Stadtplan schauen. Die Fahrzeuge seien oft verdreckt und man bekäme ständig private Gespräche aufgedrängt. Könne man nicht Londoner Verhältnisse einführen? Das Thema wurde natürlich nicht genommen, ich kann mich nicht an ein einziges anderes erinnern. Aber im Vergleich zu Traunstein war das eine Sternstunde. Dass Kontroversen bei der FDP nicht gewünscht waren, wurde mir spätestens klar, als der Bundestagsabgeordnete Rainer Stinner aufkreuzte. Stinner machte schon 2002 keine Anstalten, sich in mein vorgetragenes Argentinienproblem einzuarbeiten, obwohl die damals größte Staatsinsolvenz aller Zeiten ein Kernthema der angeblichen Finanzmarktpartei hätte sein müssen. Er fiel über Jahre hinweg nicht auf und das war gut so. Der Wähler und das Parteimitglied honorieren nämlich keine Unruhe.

2007 begann ich ein paar Aktionen und wies ein paar FDP´ler darauf hin, fand aber kein Interesse. Die gesamte FDP verfolgte sichtlich die Strategie des Nur-Nicht-Auffallens. Ständig wurde zur Geschlossenheit gemahnt und einem einheitlichen Auftritt nach Außen. Es war eine Führerpartei von Guido Westerwelle und tausenden Leisetretern. Mir wurde aber auch bekannt, dass meine Meinungsdarstellung bei Stammtischen im Unionsbräu und ein paar E-Mails zu hart rüberkamen. Tatsächlich sehnte ich mich ja nach dem Betrug der Union an den eigenen Leuten und dem Stillstand motiviert, Stoiber und Co. einzuheizen und wollte auch mal aufgestauten Dampf ablassen. Es gab einfach keine Aktionen; Langeweile pur, ein Verein von Hausmütterln, die sich akademisch gaben und ein politisches Nichts waren.

Ein Kulminationspunkt war dann die Aufstellungsversammlung zur Kommunalwahl 2008. Es erschienen der Langzeit-FDP´ler Jörg Hoffmann, seine Frau und der Wahlleiter Dieter Rippel. Eine Dame legte mir zu Beginn ihren Mitgliedsausweis vor mit, ich glaube, mit 40jähriger Mitgliedschaft. Dass Hoffmann einen sicheren ersten Platz hatte, war vorbestimmt. Es ging um den Zweiten, den die Dame für sich beanspruchte und natürlich auch in der Kampfabstimmung gegen mich einstimmig bekam. Dann ließ ich mich auf den letzten Platz setzen und dachte an die kommunalrechtliche Möglichkeit für einzelne Kandidaten, für sich Wahlkampf machen zu dürfen. Dies nutzte ich, um eine höchstpersönliche Kunstaktion in der Maximilianstraße durchzuziehen, für die ich sonst schwer eine Sondernutzungsgenehmigung bekommen hätte. Die Mitgliedschaft hatte sich also gelohnt.

Nachdem ich im Frühsommer 2008 einen ganzen Abend mit Parteiwahlen mir unbekannter Mitglieder zugange war und mir Dieter Rippel erst das Wort nicht erteilen wollte, mich aber nach Kurzvortrag darauf hinwies, er hätte sich schon lange meinen Parteiausschluss überlegt, ging ich noch einmal in den Unionsbräu. Dort diskutierte man über den Wahlkampf und bemerkenswert war die Aussage des Wahlkampfstrategen Daniel Volk, es käme nicht darauf an, ob die veröffentlichten Wahlprognosen wirklich stimmten, sondern, dass der Wähler nur glauben müsse, dass sie stimmen. Wenn also in einer Wahlprognose die FDP 10 % hätte, würden die Leute das glauben und FDP wählen. Man müsse nur da sein und abwarten.  Ich brachte dann noch zwei Anträge auf der Bürgerversammlung zur Schaffung der Isarpromenade durch und sandte diesen an Jörg Hoffmann mit der Aufforderung, endlich mal was zu tun. Hoffmann schrieb mir zurück, mein Stil sei zu aggressiv, sowohl parteilich als auch privat. Hoffmann gehört im P1 zur Rumsteherfraktion, also zu den Männern, die mit verschränkten Armen oder Händen in den Hosentaschen am Rande der Tanzfläche stehen und wippend die Tanzenden beobachten. Er personifiziert die Weichspüleridentität der örtlichen FDP.
Auf seinem und anderen FDP-Wahlplakaten standen "verheiratet" "1-2-3-4 Kinder" "Dr. bla." "Dipl. bla." "Politik für Alt und Jung", "Fachleute in den Stadtrat". An irgendeinen Inhalt oder Charakter kann ich mich nicht erinnern.

Ich machte eine FDP-Analyse: Zwischenmenschlich war mir die Partei völlig fremd. Es handelte sich um eine softe Truppe, mit aalglatten Lebensläufen, die halt da sind. Vertreten wurden natürlich eigene Interessen, vor allem der Berufsträger aus den sogenannten Freien Berufen, die gar nicht frei sind, sondern bis zum Letzten durchreguliert. Meine Annahme, die FDP würde irgendetwas bewegen wollen, war völlig falsch. Ich lag total daneben. Und damit gab es nur eine Entscheidung: Ich trat aus, steckte meine FDP-Karte in die Mülltonne und erklärte die Partei für überflüssig.

Dann kam Gabriele Pauli.



Dann kam Gabriele Pauli.

Die als CSU-Rebellin bekannt gewordene "Schöne Gaby" schmiss bei den Freien Wählern hin und kündigte an, eine eigene Partei zu gründen. Ich fand das interessant, weil Pauli ein Medientier war und schien, ihr persönliches Ding durch zu ziehen. Das ist in der Parteienlandschaft erst möglich, wenn man eine sehr starke Stellung hat, vielleicht wie Verteidigungsminister Guttenberg. Pauli setzte zu einer ersten Pressekonferenz an im Hofbräukeller. Da ich nicht weit davon entfernt war, ging ich hin und setzte mich zu den Journalisten. Pauli faselte irgendetwas esoterisch Anmutendes. Zugegen war auch ein freundlicher Mann, den ich später als Unterstützer der ersten Stunde kennen lernen sollte: Werner Winkler. Winkler meinte, die Pauli mache was wirklich besonderes und mir gefiel die starke Medienpräsenz. Die Gaby hatte es also mal wieder geschafft: Die Zeitungen waren voll und die Landtagsjournalisten hatten mal wieder ein Thema.

Es fand also die Parteigründungsversammlung statt. Am Tisch saßen richtige Revoluzzer, die von der CSU und der Politik überhaupt maßlos enttäuscht waren. Das war schon mal ein guter Einstand. Mir schwebte irgendetwas von einer internetbasierten Organisation vor und ich fragte ein paar der nur wenig vorhandenen Jüngeren, merkte aber bald, dass sich viele professionelle Unternehmen des Politikbetriebs engagieren wollten und eine Entwicklung hin zur  Individualpartei wie die der Piraten unmöglich war. Unglaublich war der Zulauf für die Ämter des Parteivorstands. Dutzende Kandidaten stellten sich vor (=verheiratet, Kinder, beruflich dies und das). Als sich der Tag zu Ende neigte, ließ ich mich auf die Landesliste zur Landtagswahl setzen und wurde zum Beisitzer in den Landesvorstand gewählt. So bekam ich Informationen, ohne Verpflichtungen zu haben. Ich traute dem Frieden nicht, da ich nicht wusste, wie ich die Leute und vor allem Gabriele Pauli einschätzen sollte.

So kam es, dass ich zu einer Sitzung des Bundesvorstands und des Landesvorstands eingeladen wurde, die in der Grünwalder Villa des Architekten Sep Ruf statt fand. Die Zweite Vorsitzende, Sabrina Olsson, lud dazu ein und ich konnte diese Edelimmobilie mal von innen sehen. Meine Motivation war gut. Ich hatte die Idee des abgebildeten Wahlplakats mit einer Grafikerin umgesetzt und träumte von einem kurzen, witzigen Bundestagswahlkampf an ausgewählten Orten in München mit Aktionen einer bunten Truppe. Ich zeigte das Plakat und wir stellten uns vor. Da genügend Leute für den Parteiaufbau da waren, wollte ich nicht mehr Zeit verbringen, und düste mit der Frage ab, ob Sep Ruf Buddha-Figürchen in sein Haus gestellt hätte.

Eine Parteigründung ist als solche kein großer Akt. Die Internetseite der Freien Union stand schnell. Aber mit den Wochen wurde mir zunehmend klar, dass sich um Pauli auch wirkliche Exoten geschart hatten. Von der Schamanin über einen Lobbyisten für Heidentum und einem ehemaligen Mitglied der Naturgesetz-Partei war vieles dabei. Natürlich auch ein unvermeidlicher Nazi, der Schaden verursachen würde. Ich beschloss, ihn zu outen und damit los zu werden. Dies gelang und ich konnte so eine kleine Revanche genießen, nachdem mein Großonkel Bernhard Engelsberger 1933 von den Nazis aus dem Landtag gedrängt wurde.

Was ich nicht erwartete: Man eröffnete nun ein Parteiordnungsverfahren gegen mich, weil ich der Freien Union Schaden zugefügt hätte. Ich bekam eine E-Mail, mit der meine Parteimitgliedschaft "ruhen" würde. In einem fast eineinhalbstündigen Verhör musste ich Rede und Antwort stehen, konnte aber die Einleitung des Verfahrens nicht verhindern und die Leute nicht davon überzeugen, dass Nazis halt schon Probleme bereiten und diese doch in einer eigenen Partei ihre Richtung verfolgen könnten. In diesem Tagen bekam ich dann mit, dass es mit Gabriele Pauli Kommunikationsprobleme gab. Auf der Internetplattform kamen kritische Berichte einzelner Vorstandsmitglieder. Pauli wurde vorgeworfen, nach Gutsherrenart unkoordinierte Anweisungen zu geben.  Ich gab der Partei keine Zukunft. Gabriele Pauli war einfach überfordert. Die Individualisten der ersten Stunde hätten professionell vernetzt werden müssen. Pauli war solche Leute nicht gewohnt, weil sie als langjährige Landrätin in Zirndorf die dort weisungsgebundenen Beamten schurigeln konnte und ihr diese Beamten die Sacharbeit abnahmen.  Ein paar Skandale bestätigten meine Einschätzung. Der Vorstand der Freien Union flog auseinander und die Zulassung zur Bundestagswahl scheiterte. Werner Winkler klagte dann noch gegen Pauli im Nürnberger Kriegsverbrechergericht, verlor, und die Partei einen weiteren fähigen Mann. Auch ein richtiges, schützenswertes Original, der Rottaler Sepp, hörte auf und zuletzt Gabriele Pauli selbst. Was die Freie Union macht, weiß ich nicht.

Die zu einem großen Teil interessanten Leute hätten die CSU oder eine andere Partei gebrauchen können. Ein medienwirksamer Übertritt gelang jedoch nicht.  Mein parteipolitisches Leben war endgültig beendet und mir werden einige Dinge klar.

Ich bin für eine herkömmliche Parteienmitgliedschaft überhaupt nicht geeignet, da ich eigene Interessen, aber nicht das Interesse einer Partei vertrete. Die führenden Mitglieder in den etablierten Parteien sehen diese jedoch wie ein Unternehmen, das erfolgreich an Wahlen teilnimmt. Deshalb dürfen keine kontroversen Themen auf den Tisch gebracht werden; am Besten ist man nur da und versucht, sich den jeweiligen Stimmungen anzupassen. Die sogenannte Interessenaggregation, also die Äußerung einzelner Mitglieder über ihre politischen Probleme, wie dem Fall Argentinien oder andere, findet in Parteien überhaupt nicht statt: Es geht um Kohle und Wahlkampfstrategie. Ich nenne diese Parteien Kollektivparteien. 

Es gibt derzeit nur zwei Ausnahmen: Die ÖDP und die Piratenpartei. Die ÖDP kämpft idealistisch, auf verlorenem Posten und sucht sich Nischen für ihren Lebensstil. Eine strikte Unterordnung gibt es nicht; Leute wie Sebastian Frankenberger machen ihr Ding und dürfen sich austoben. Ähnlich die Piratenpartei: Dort kann jeder kontrovers diskutieren und auch mal ordentlich reinhauen. Jedoch findet dort noch zu wenig Koordination statt. Ich nenne diese Parteien Individualparteien.

Was fehlt ist eine Partei, die das Spannungsfeld aus Individualismus und Kollektivismus versöhnt, Einzelinitiativen nicht verhindert, aber Grundlagen politischen Lebens, die immer kollektiver Natur sind, vermittelt. Solange es eine solche Partei nicht gibt, wird es keinen qualitativen gesellschaftlichen Fortschritt geben, da die Protagonisten neuer Lebensstile, sich nicht dieser Zeitverschwendung in Parteiengremien und an Stammtischen antun. Individualisten suchen sich andere Ventile, um ihre Existenz zu sichern. Sie sind für den Staat und die Gesellschaft dann verloren, wenn sie überhaupt keinen Bock mehr haben und ihre gefühlte Ausgrenzung bewusst leben. Es ist ein großer Schritt von "Null Bock" zu "Leck mich am Arsch."

Dem Interessenten an einer Parteienmitgliedschaften geben ich folgenden Rat:

1. Willst Du zu einer Partei, sieh Dir die Leute an. Vertraue Deinem Gefühl. Meide Parteien ohne emotionalen Bezug. Folge nicht Programmen oder Aussagen: Die Menschen sind entscheidend.

2. Gehe zu Kollektivparteien, wenn Du gerne rumsitzt, ein bisschen palaverst, einen Zinnteller für die 40jährige Mitgliedschaft bekommst und gerne bei "Events" applaudierst und Autogramme sammelst. Gehe auch dazu, wenn Du ein Amt oder Mandat willst. Tue dies jedoch schon in jungen Jahren und halte durch. 

3. Gehe zu Individualparteien, wenn Du keine Ämter oder Mandate anstrebst, sondern an Wandel und an bestimmte Ideen glaubst oder ein Interesse oder Thema hast, das neu ist. Prüfe die Individualpartei, ob sie Deine Anträge durchlässt, ob sie effizient ist und Dich nicht mit ständigen Wahlen für überflüssige Ämter und Querelen nervt. Bewirb Dich für ein Amt, wenn Du was zu sagen hast. Gehe wieder, wenn Du es gesagt hast.

4. Was Du wählst, ist egal. Alle Parteien sind inhaltlich gleich und drehen ihr Ding. Verfolge, was sie und die Regierungen machen, analysiere, was Dich in Deinem Leben betrifft und ziehe die Folgen für Dein Handeln. 

5. Lass Dich keinesfalls als Mitarbeiter missbrauchen. Wenn Du Plakate klebst, verlange Entlohnung. Mach Dein Ding oder lasse es sein. Gib nur, wenn Du etwas bekommst.