10 Dezember 2010

Erwiderung auf Dr. Jörg von Brincken zum Thema Subkultur am Beispiel Puerto Giesing

Dr. Jörg von Brincken hat auf der Plattform Kulturvollzug einen Aufsatz veröffentlicht, den ich gerne zum Anlass nehme, eine Erwiderung zu schreiben. Man könnte es auch Ergänzung nennen, da ich nichts überaus kritisches oder gar schmähendes in seinem "Pamphlet" zu erkennen vermag. Ich kann keine Widerrede erheben, wo mich nichts angreift.

Die Gegenüberstellung zweier Autoren, die sich in gegensätzlichen Lebenslagen befinden und unterschiedliche Erfahrungen und Beobachtungen gemacht haben und machen, kann befruchtend wirken und so neue Denkweisen eröffnen. Hier also Dr. Jörg von Brincken, Akademischer Rat und damit weisungsgebundener Beamter; mit Ausdrucksformen der Hegemionalkultur beschäftigt und darin vernetzt. Dort der Dorfkramer, weder angestellt noch verbeamtet, immer wieder der Hegemonialkultur des politischen und ökonomischen Systems und derer Träger ausgesetzt und mit Mitteln kämpfend, die einem Individuum von der Hegemonialkultur zugewiesen werden.

Subkultur. Erste Überlegungen über das, was ich darin erkenne, schaffen Übersicht:

Subkultur der aufkeimenden Lebensstile, die bewusst oder unbewusst eine Identität mit Außenwirkung schaffen und bei Erfolg von der Hegemonialkultur gekauft werden wie die Emanzipations- oder Schwulenbewegung: Die meine ich nicht.

Gelebte, echte Subkultur der gesellschaftlich nicht oder wenig integrierten Individual- und Kollektivkultur der Punks, Obdachlosen, Illegalen. Aber auch der ökonomisch wenig gefährdeten: die Subkultur der  Privatiers, Dandys, Asketen, Schöpfer und Künstler ohne Absatzdruck - diejenigen, die mit dem Rest der Gesellschaft nur mit Geld und der Steuererklärung kommunizieren: Auch die meine ich nicht.

Subkultur als Mittel zur Erreichung persönlicher Interessen, Lizenzen, Positionen. Aber auch zur Abwehr von Gefahren, Eingriffen, Vernichtungsversuchen. Subkultur der Durchsetzung. Subkultur der Selbstbehauptung: Die meine ich.

Und damit sind wir beim Thema, das ich anhand zweier Beispiele erklären kann. Puerto Giesing und Dorfkramer. Subkultur der Durchsetzung und Subkultur der Selbstbehauptung.

Anlass, überhaupt den Begriff Subkultur in Verbindung mit einer Lokalkultur (München) zu hinterfragen oder zu diskutieren ist die Initiative Puerto Giesing, die 2010 das leerstehende Hertie-Kaufhaus in der Tegernseer Landstraße zwischengenutzt hat. Da ich als teilnehmende Beobachter immer versuche, der Realität möglichst nahe zu kommen, schreibe ich hier meine Erfahrungen nieder. Diese sind die Grundlage meiner Herleitung des Subkulturbegriffs.

Als ich von Puerto Giesing hörte, dachte ich an eine Bereicherung meines Kunstverständnisses. Wurde dies schließlich als Sammelbecken der freien Kunst propagiert, die nirgendwo einen Platz fände. Der erste Eindruck war nett. Ich stand zwar vor verschlossenen Türen, da schon Abend war. Aber ein netter Nerd mit Ziegenbartansatz stellte dann draußen vor dem Kaufhaus die Lichtsteuerung der Fensterbeleuchtung ein, was ich als sympathische Aktion empfand.
Mein erster Veranstaltungsbesuch war dann die Nerd Nite, ein Kurzvortragsabend mit abseitigen aber auch einschlägigen Themen. Auch nett. Und aussterbende Subkultur fand sich danach in der Burg Pilgersheim, in der eine typische Münchner Band der 70er Jahre Volksmusikstücke mit Jazzelementen spielte. Es gab Kalterer See aus Südvitriol und ein Sparschwein zum Füllen für die Musiker.
Dann ging ich auf die groß  und pathetisch angekündigte "Werkschau" und es stellte sich heraus, dass das eher ein Sammelbecken von Kunst- und Geschichtsgrund- und Leistungskursen der K12 war. Dazu ein paar Exponate der offensichtlich befreundeten Blumenbar und einer Konditorei. Erstmals fühlte ich mich regelrecht verarscht, ging, und dachte mir, ich käme nicht wieder.
Da ich mich seit einigen Monaten mit der Plattform Facebook beschäftige, hatte ich mich auch als Freund von Puerto Giesing angemeldet und bekam so weiterhin Nachrichten. Ständig wurde mit dem Begriff Subkultur um sich geworfen. Das für normale Parties mit Elektromusik-DJs mit Flaschbier für 3 Euronen. Diese Selbstüberhöhung machte mich stutzig und ich drückte in Facebook mein Missfallen über diese Irreführung aus. Es handle sich weder um Sub- noch um eine über die Maßen beachtenswerte Kultur, sondern um normale Stammtischfestein, die man in Stadt und Land anträfe. Solche Besäufnisse seien zwar einer Gaudi zuträglich und nicht zu verachten, aber Puerto Giesing solle doch bitte mal die Kirche im Dorf lassen und nicht ständig diesen Stuss von der Subultur und der führenden freien Kulturplattform in München vor sich herblasen. Es sei widerlich.
Es entspann sich so auf Facebook das übliche verbale Gemetzel. Eine Zehra Spindler zitierte sofort aus meinem Dorfkramerblog und hielt mir alle möglichen persönlichen Dinge vor. Ich hätte zu viel Zeit und solle endlich was arbeiten. Die ganze Diskussionstaktik, die man vom Bürgertum, nicht von der Subkultur gewohnt ist. Dies aber nicht in einem geschulten Schreibstil. Das brachte mich zu weiteren Nachforschungen.
Weil das Projekt Puerto Giesing auf Öffentlichkeit angewiesen ist, um die Bude voll zu kriegen, war es leicht, Fakten im Internet über Zehra Spindler zu finden, die offensichtlich das Rudel anführte. Ich erfuhr, dass sie in München eingesessen ist, sich nackt auf der Leopoldstraße gezeigt hat und Veranstaltungen, eine Tagesbar und einen Bierausschank unter dem Isartor organisiert hat. Auch habe sie tätowierte Unterarme.
Diese wild anmutenden, "subkulturellen" Attribute hatten jedoch einen Haken: Zehra Spindler baute ihre gesamte Kommunikation auf Symbole der konservativen Hegemonialkultur Münchens auf. Ihre Dauerplattform benannte sie nach dem 850. Gründungstag der Landeshauptstadt München, garnierte dies mit dem allfälligen König Ludwig II und ein paar bayerischen Sprüchen, obwohl sie, wie Münchner ab ihrer Generation, kein Bayerisch spricht und kann und ließ sich vom Bezirksausschuss Geld geben für eine erst nachträglich genehmigte Gastronomie; sprich: war und ist typisch münchnerisch-bürgerlich mit dem Hang zur Institutionalisierung durch Annäherung an die politische Klasse. Der Höhepunkt dieser Ausdrucksform ist der schwarze Rollkragenpullover.
Und so war es nicht verwunderlich, dass mir die Information zuteil wurde, die Landtagsabgeordnete der Grünen, Claudia Stamm, würde eine Veranstaltung zum Thema "Gentrifizierung" und "Kulturförderung" machen. Puerto Giesing habe da einen wichtigen Auftrag als subkulturelles Forum, etcetera blabla.
Angekündigt wurde auch Martin Bucher, der das Gebäude mit den üblichen örtlichen Banken abreißen und der Neunutzung "zuführen" würde. Ich war sehr interessiert, wie die Zwischennutzung von Puerto Giesing von statten gegangen sei. Ich hatte nämlich vor einigen Jahren eine ähnliche Zwischennutzung für mein Dorfkramerhaus in Inzell beantragt und konnte dies dem Traunsteiner Landratsamt nicht erklären. So musste ich für einen leerstehenden Laden eine Gaststättenvollgenehmigung beantragen. Um den damit verbundenen Bürokratenwust bis zum imissionschutzrechtlichen Gutachten für zwei Riesen zu vermeiden, könnte der Gesetzgeber doch so etwas wie eine "flexible Zwischennutzung" in eine Bauvorschrift einbauen und das wäre doch für die Frau Stamm eine gute Idee.
Also ging ich vor der Veranstaltung direkt auf Herrn Bucher zu, der aufgeschlossen schien und mir sagte, er habe alles an Zehra Spindler abgetreten und hätte mit der Nutzung und allen Genehmigungen nichts zu tun. Als ich ihm noch von meinem baurechtlichen Problem erzählen wollte, kam auf einmal Zehra Spindler herbeigeschossen.
Bucher: "Das ist Herr..."
Dorfkramer: "Engelsberger"
Spindler: "Aha und Sie sind das also...und Sie stalken hier unsere Leute. Haben Sie sonst nichts zu arbeiten?"
Dorfkramer: "Ich gehe eh gleich wieder bei der verdreckten Toilette und der Pisse."
Spindler: "Wissen Sie was, Sie gehen gleich. Wir kennen Sie ja jetzt."
Dorfkramer: "Ich gehe gerne, auf Wiedersehen Herr Bucher."
Begleiter von Spindler holt Ordner. Spindler geht zu Claudia Stamm. Dorfkramer geht ab.

Dazu muss man wissen, dass Puerto Giesing tatsächlich von der Bezirksinspektion geschlossen hätte werden müssen, da grundlegende Hygienevorschriften nicht eingehalten wurden. Jeder normale Wirt ohnen politische Beziehungen hätte seinen Laden nach drei Tagen dicht machen müssen.

Herr Bucher sagte, das sei alles Subkultur, konnte aber auf Nachfrage nicht sagen, was er damit meine, ob er sich auf die verdreckten Toiletten beziehe oder der Gästebetreuung der Veranstalterin.

Zehra Spindler blockierte dann einige Tage die Kommentarfunktion auf Facebook und ich kümmerte mich nicht mehr darum, bis ich die Nachricht erhielt, Sie würde mit ihrem Veranstaltungsprogramm nun ins Münchner Stadtmuseum gehen. Es war nun offensichtlich geworden, welchen Weg Zehra Spindler verfolgt  und welche Methoden sie verwendet. Ihre Aktivitäten sind ein Fallbeispiel, wie Subkultur als Begriff genutzt wird und Subkultur als Ausdrucksform.

Zehra Spindler ist das Beispiel für Subkultur der Durchsetzung. Ihr Weg zielt auf Etablierung in der Hegemonialkultur, sprich: der organisierten, bezuschussten Kultur in und der Landeshauptstadt München. Ihr kulturelles Kapital (Bourdieu) ist gering. Ohne die verlangten Bildungsgrade zur Erreichung einer institutionalisierten Stelle im Gefüge der Kulturverwaltung ist die Etablierung genauso wenig zu erreichen wie durch Schöpfung von als wertvoll angesehenen Artefakten, die eine Etablierung herbeiführen können. Dazu sind die Latten der Kultur- und Kunstökonomie als auch der verbeamteten Entscheidungsträger der Selektion zu hoch gehängt und auf jahrelange, disziplinierte Arbeit an und mit der Kunst angelegt. Ein anschauliches Beispiel zeigte in München vor einigen Jahren die Dan Flavin Ausstellung. Vermeintlich einfache Leuchtröhren wurden erst nach jahrzehntelanger Ochserei des Schöpfers als Kunst verstanden und das auch nur mit einer immerwährenden Kommunikation des Künstlers, die sprachlich ebenso hochwertig sein musste wie der Gedanke, der hinter den Leuchtröhren stand.
Was Zehra Spindler bleibt und blieb, war ihr Organisationstalent, ihre Durchsetzungskraft und ihre Kenntnisse subkultureller Ausdrucksformen zur Zielerreichung. Dazu gehören als Frau die Präsentation der Nacktheit in der Öffentlichkeit, des mit Tätowierungen entstellten Körpers und einer vermeintlich subkulturellen na(t)iven Mischsprache aus Anglizismen und deutschen Grundwörtern. Zehra Spindler kann kein Kunstwerk schaffen, weil sie nicht über die Fertigkeiten des hegemonialen Kulturverständnisses verfügt: Ballett, Theater, Schrifstellerei, Gestaltung - sie kann nur sich selbst präsentieren und sich in die Erinnerungs- und Gedankenwelt der Hegemonialkultur einschleichen. Im Mittelpunkt stehen deshalb Elektroparties, Bierausschank, Bar, die Kommune bilden. Hip wird das Ganze, in dem ein paar "Künstler" dabei sind und vielleicht noch ein paar Besoffene mit Sex auf dem Klo. Es muss alles getan werden, um bekannt  und dann von der Selektion genommen zu werden.
Das ist ihr nun gelungen. Aber warum nur Ihr und nicht einer ernst zu nehmenden, künstlerisch hart arbeitenden, verständigen Schaffenden? Oder einem orstansässigen Original wie Petra Perle?
Ganz einfach: Zehra Spindler stillt die Sehnsucht der Münchner Hegemonialkultur nach dem verlorenen Anschluss an Zentren der (Sub-)kultur. Der Abstieg in die Stammtischliga wird als solcher empfunden. Und wie verhält sich ein kulturhegemoniales Kind? Es stampft auf den Boden und macht einen Stammtisch auf: den Stammtisch der Zehra Spindler vereint mit der Kulturoligarchie.

Zehra Spindler ist damit die Protagonistin für Subkultur der Durchsetzung. Sie nutzt die typisch münchnerische Konstellation und stößt damit in an sich unerreichbare Sphären vor. Solche Karrieren kennt man einige in der Stadt.

Und damit noch ein paar Anmerkungen zur Subkultur der Selbstbehauptung. Anders als Zehra Spindler verfügt der Dorfkramer über die Möglichkeit einer bescheidenen ökonomischen Selbstversorgung. Diese muss er nun schützen, um nicht eine etablierte Position erreichen zu müssen. Angriffen auf ihn kann er jedoch, mangels Talent und Kunstausbildung,  nur mit subkulturellen Mitteln gegenübertreten - also nicht mit Mitteln der hegemonialen Hochkultur . Kleine Aktionen im öffentlichen Raum, Blog, Leserbriefe, Abgrenzung, Selbstschutz. Täglicher Kampf um Bewahrung des Lebensraums und der persönlichen Gestaltung des Alltags. Kampf gegen die Raubritter der globalen Finanz- und Politikwelt. Klage gegen die Landeshauptstadt München, um eine Bauchladenlizenz. Auch der Dorfkramer hat Erfolg. Er wird in Ruhe gelassen. Die Subkultur der Selbstbehauptung hinterlässt nur Spuren der Erinnerung.

Als Ergebnis halte ich fest:
Bei Subkultur dreht es sich immer um die Begriffe Macht-Identität-Kommunikation-Interesse. Die Gegenströmungen der Macht: Durchsetzung und Selbstbehauptung sind es, die Subkultur erst zur Erscheinung bringen.

In diesem Sinne freut sich der Dorfkramer diebisch, dass es Zehra Spindler diesen Lackaffen von der Münchner Kulturoligarchie und den dümmlichen Medien gezeigt hat und sie weiterhin öffentlich vorführt.

Dorfkramer ist Dr. phil. Dipl. sc. pol. Dipl.-Vww. Bankfachwirt und kennt sich mit Kommunikation, Recht, Kohle und Macht aus. Er weiß, was Psychoanalyse ist, ein ordentlicher Rausch und gähnende Langeweile. Vor allem aber lässt er sich von globalen GroßKöhlern und deren Vasallen geflissentlich am Arsch lecken und freut sich sehr, wenn lokalen und globalen Abzockern und Umverteilern in die Suppe gespuckt wird.