31 Oktober 2010

Hotel Post Inzell: Grünes Licht für Grundstücksentwicklung

Nach über drei Jahren Bauruine Hotel zur Post Inzell ist endlich der Grundstein für eine Entwicklung des Grundstücks gelegt. Das Bild zeigt den derzeit gültigen Bebauungsplan "Zentrale Ortsmitte". Der Bebauungsplan wird nun geändert und zwar wird das Grundstück Flurnummer 28 "Zum Dorfkramer" herausgenommen, um eine spätere Entwicklung des Ortskernbereichs im Bereich der "Pfarrkirche, Hotel Post, Dorfkramer, Gemeinde" in einem eigenen Bebauungsplan zu ermöglichen (Gemeinderatsbeschluss vom 20.09.2010 Nr. 854). Die Änderung des Bebauungsplans liegt vom 8.11.2010 bis zum 8.12.2010 im Rathaus zur Einsicht aus.

Dazu muss man wissen, dass der Bebauungsplan "Zentrale Ortsmitte" vom 6. November 1998 die zentrale Ortsmitte gar nicht umfasst. Er beinhaltet nämlich nicht die prägenden Gebäude des Hofmarkrichterhauses, der Post und des Rathauses. Stattdessen wurden die bestehenden Gebäude vom Dorfkramer bis zum Großwalderbach in den Bebauungsplan aufgenommen, der auf die Erhaltung des Altbestands abzielt. Der Bebauungsplan setzt Baugrenzen fest,  von denen durch Befreiungen abgewichen werden kann. Das aktuelle Beispiel ist der Abbruch und Neubau des westlichen Flügels Flurnummer 31 "Schuhhaus Paul Gambs " ohne Änderung des Bebauungsplans aber mit Befreiung im Rahmen des Baugenehmigungsverfahrens.

Eine städtebauliche Strategie der Gemeinde Inzell zur Entwicklung des Ortskerns gibt es nicht und hat es nie gegeben. Dies führte dazu, dass die Ortsmitte an Attraktivität eingebüßt hat. Eine Kommunikation der Grundstückseigentümer gibt es nicht und hat es nie gegeben. Jeder macht seinen Stiefel, was zu einem grotesken  Wettbewerb um Mieter für leer stehende Ladenflächen führt. Ein Mietnomade allein brachte es in nicht einmal zwei Jahren auf sage und schreibe drei unterschiedliche Läden und hinterließ ein finanzielles Fiasko.

Ein attraktiver Ortskern muss ansprechende Architektur aufweisen und Menschen durch ein Angebot an Wohnungen, Büroflächen, nachfrageorientierten Ladenflächen und Gastronomie anziehen. Dies erfordert Planung. Die Planungshoheit hat die Gemeinde, die sie jedoch nicht ausübt. Als Grundstückseigentümer kann man zwar zum Nachbarn rüber gehen und Anstöße geben. Dies funktioniert jedoch nur in Einzelfällen. Inzell ist da keine Ausnahme. Jeder hat Angst vor Kooperationen. Nur eine funktionierende Gemeindeleitung kann dafür sorgen, dass die einzelnen Grundstückseigentümer zusammengebracht werden und der Gebäudebestand verbessert wird. Eine Gemeindeleitung mit Planungsanspruch gibt es seit 1990, dem Abgang des ehemaligen Bürgermeisters Ludwig Schwabl, in Inzell nicht.

Der 19. Mai 2007 markiert einen Tiefpunkt des Dorfes: Das Hotel zur Post brannte ab

Dieses Ereignis wurde stimmungsmäßig gar nicht als so gravierend angesehen. Einige bejubelten ja das flammende Inferno von Kurtl´s Schirmbar aus und frönten der Lust am Zerstörerischen. Der Erste Bürgermeister der Gemeinde Inzell, Martin Hobmaier, ließ in der Presse verlauten, er habe sich schon mit der Eigentümerfamile Nützel darauf geeinigt, die Post würde genau so wieder aufgebaut, wie sie gewesen sei. Vielen war die Baugrube wurscht. Andere vertrauten auf Luftschlösser von Großinvestoren, die sich um die Postruine reißen würden. Nach drei Jahren Baugrube und toter Hose im einstmals pulsierendem Dorf, dürfte nun jedoch dem letzten ... klar sein, dass es eine Bereicherung wäre, wenn eine Entwicklung des Grundstücks wieder Leben in die Bude bringen würde. Und zwar auf realistische Weise.

Nun hatte die Familie Nützel zwar ihren langjährigen Gebäudebetreuuer, Andreas Mühlberger, Ingenieur aus Reit im Winkl, damit beauftragt, einen Plan für das zu errichtende "Nützel´s Posthotel" anzufertigen. Der Plan, der unter anderem einen Turm vorsah wurde auch vom Gemeinderat ohne Diskussion durch gewunken. Der Rückzug der Familie Nützel vom Bauvorhaben verhinderte zumindest eine Investitionsruine und eine nachhaltige Verschandelung des Ortskerns. Das ganze Vorgehen der übereilten Planung durch einen Nichtarchitekten, lässt die Vermutung zu, die Familie Nützel wollte sich vor allem die Neuwertspitze der Brandversicherung erhalten. Man bekommt die tatsächlichen Kosten eines Neubaus nach einem Brand dann voll erstattet, wenn man rechtzeitig die Absicht dokumentiert, man wolle auch neu bauen. Dies geschieht in der Regel durch schnelle Eingabe eines Plans und Bauantrag.

Meine (=Dorfkramer) Bestrebung war es seit dem Postbrand, eine Kooperation aufzubauen und zwar mit den umliegenden Grundstückseignern Nützel, Gemeinde, Gambs und Dießbacher. Eine Zusammenarbeit würde Planungskosten sparen helfen und man hätte mehr Verwertungsmöglichkeiten der Grundstücke durch Vergrößerung des Areals. Alle Annäherungsversuche scheiterten nicht nur: Sie wurden schlichtweg nicht beantwortet. Dazu muss man wissen, dass alle Häuser in diesem Bereich veraltet sind, bzw. waren. Die Post ist eine Bauruine. Auf das Haus Rochus kann man architektonisch nicht aufsetzen; die ehemaligen Ferienwohnungen sind nicht mehr vermittelbar. Auch ein isolierter Wellnessbereich macht das nicht attraktiver. Der Dorfkramer wiederum ist zu verschachtelt und energetisch ebenso wenig sanierbar wie der Westflügel des Rathauses oder der Schmied Schuster (ehemals Alfons Dießbacher R.I.P.). Paul Gambs zog die  Reißleine  und brach seine alte Bude dann auch ab. Natürlich ohne zu begreifen oder auch nur in Erwägung zu ziehen, dass sich eine Absprache mit den Nachbarn vielleicht positiv auf den gesamten Bereich auswirken könnte.

Die Gemeinde wiederum lehnte es ab, einen Bebauungsplan für die Ortsmitte überhaupt anzudenken. Es finden sich in der Bauakte von "Nützel´s Posthotel" nur eine Anregung der Kreisbaumeisterin Mechthild Herrmann, man könne doch eine Bebauungsplan aufstellen. Es wurde jedoch eine Genehmigungsfähigkeit nach dem Gummiparagraphen des § 34 Absatz 3a Baugesetzbuch in Aussicht gestellt. Das heißt, das Landratsamt hätte schlichtweg alles genehmigt. Nur ein Aktenvermerk setzt sich mit der Ästhetik des Entwurfs von Mühlberger und seine Wirkung auf das Ortsbild auseinander. Der ist von Stefan Graßler, Architekt aus Traunstein, dessen Vater den Salinenweg historisch aufbereitet hat. Ohne eine Minute über diesen kritischen Aktenvermerk und darüber nachzudenken, wie man eine Dorfmitte nach einer Katastrophe sinnvoll entwickeln könne, nickte das Bauamt letztendlich alles ab, wohl in der Hoffnung, das Bauvorhaben würde nicht realisiert werden. Diese Hoffnung vieler in einer Verwaltung Tätiger, nämlich einer Erledigung von selbst, trat dann ja auch ein. 

Anfang 2009 wurde mir (=Dorfkramer) dann bekannt, dass die Gemeinde Inzell, die Entscheidung getroffen hatte, nicht mit dem unmittelbaren Nachbarn zu reden. Sie beauftragte Tom Krause mit einer Dorfentwicklungsvision, die ein neues Ortszentrum Richtung Adlgaß vorsah mit Familienhotel, Tieferlegung der Bundesstraße, Einfamilienhausgebiet, Erlebnistherme, und und und... Krause wurde durch den Film "Henners Traum"  bekannt. Die dort dokumentierte Provinzposse ist auch auf Inzell übertragbar. Ich habe damals mit einer Aufsichtsbeschwerde reagiert, die natürlich zu nichts führte außer einer staubigen Akte des Landratsamts.

Die Pläne von Tom Krause und Bohne sind natürlich Utopien, wofür sich nur mit geringer Wahrscheinlichkeit durchgeknallte Geldgeber finden lassen. Jedenfalls war klar, dass die Gemeinde nicht eine Minute Zeit dafür verwendete, sich mit einer Entwicklung des traditionellen Dorfzentrums, Kirche, Rathaus, Post, Dorfkramer mit der "Kiragass" als Treffpunkt und Kommunikationsort, zu beschäftigen. Auf Nachfrage wurden Interessierte mit dem üblichen Politikergewäsch von den "kommenden Großinvestoren" für die Post abgespeist. Der Stand der Gerüchte dreht sich derzeit um geplatzte Notartermine der Nützel GbR mit Kaufinteressenten, einem russischen Oligarchen, der "Inzell etwas Gutes tun möchte" und einem Konsortium von Hotelbetreibern aus der Umgebung, das das beste Wellnesshotel Europas errichten will. Mittlerweile hat Martin Hobmaier immerhin zugegeben, dass nicht er mit den internationalen Großínvestoren "verhandelt", sondern dafür der Grundstückseigentümer, die Nützel GbR, also Rochus Nützel zuständig ist.

Man muss Gerüchte zur Kenntnis nehmen. Niemand weiß, was wirklich geschieht. Siehe Inzeller Eishalle, wofür der Staat nach derzeitiger Aktenlage unglaubliche 41.740.194,13 Euro Steuergelder hinlegt. Diese Investition wird sich nie amortisieren und sie entspricht ungefähr 12 Vier-Sterne-Hotels. Dennoch: Gerüchte helfen nicht weiter und ich hatte mich nach Jahren des Stillstands im April 2010 dazu entschieden, der Gemeinde mal wieder ein Kooperationsangebot zur gemeinsamen Entwicklung des Areals Rathaus-Dorfkramer-Post zu machen. Dieses wurde erst mit der Frage beantwortet, wie viel ich denn für mein Haus haben wolle. In einer Anhörung im Rathaus konnte ich dann zumindest meine Vorstellungen mündlich vortragen. Das Angebot zu einer Zusammenarbeit hielt ich bis Oktober aufrecht. Die Gemeinde, vertreten durch den Ersten Bürgermeister Martin Hobmaier, beantwortete es nicht.




Auf dem Bebauungsplan im Bild ist ein Posthorn zu sehen auf dem Grundstück Flurnummer 47/4. Dort befand sich das Inzeller Postamt (Deutsche Bundespost) mit Garagen für die Postomnibusse (Postautos=Deutsche Kraftpost) und der Abenteuerspielplatz für viele Dorfkinder. Das Gebäude steht leer; der Abschied der Familie Märkl, die das Postamt leitete und darin wohnte, wurde Silvester 1986 mit einem Fest würdig und mit Wehmut gefeiert. Das ist lange her und mittlerweile haben wir ja die Globalisierung. So ging das Postgrundstück an die Corpus Sirio Asset Management GmbH, einem Ableger einer Immobilienholding. Die Eigentumsverhältnisse sind durch eine Anfrage der Corpus Sirio an den Gemeinderat öffentlich geworden. Sie wollte wissen, ob eine Bebauungsplanänderung möglich sei, vor allem wegen einer Änderung der vorgesehenen Fläche für den Gemeinbedarf. Dieser Gemeinbedarf war vorhanden, als die Post noch nicht privatwirtschaftlich organisiert war. Natürlich lag der Corpus Sirio daran, das Grundstück mit Gewinn zu verticken und dazu brauchte man eine umfassende Zusicherung des Gemeinderats, dass der Gemeinbedarf nicht mehr geboten sei. Der Gemeinderat wies dieses Ansinnen zurück mit der Begründung, Corpus Sirio solle doch mit konkreten Vorstellungen zur künftigen Nutzung kommen.

Ich habe damals bei Corpus Sirio angerufen und darauf hingewiesen, dass sie eine besondere Verantwortung für die Entwicklung hätten. Es handle sich um ein wichtiges Grundstück; man solle darauf achten, dass die Nutzung dem Bedarf des Dorfes entspräche. Auch wies ich darauf hin, dass sich der unbefriedigenden Zustand rund um die Baugrube des ehemaligen Hotels zur Post doch gut dazu verwenden ließe, eine professionelle städtebauliche Entwicklung mit mehreren Eigentümern anzustoßen. Diesen Anruf beantwortete Corpus Sirio nicht.

Stattdessen rief man offensichtlich Josef Plereiter sen. auf den Plan. Plereiter hat ein anerkanntes, viel beschäftigtes Tiefbauunternehmen aufgebaut und gehört zu den Inzeller Rohstoff-Moguls, bei denen sich viel um Beton und Holz dreht. Als Fachkundiger mit eigenem Baugeschäft hat er es grundsätzlich im Kreuz, ein größeres städtebauliches Projekt zu stemmen wie eine Entwicklung des Grundstücks des alten Postamts und vielleicht auch des Hotels zur Post. Und tatsächlich gab die Gemeinde Inzell mit Datum 1.10.2010 öffentlich bekannt, dass der Bebauungsplan "Zentrale Ortsmitte" geändert werden solle, vor allem wegen einer Neubebauung durch Plereiter. Einem Pressebericht zufolge wolle er das Grundstück der Corpus Sirio abkaufen und dem örtlichen und überörtlichen Fahrradhändler "Mailis (Mailhammer)" als Mieter zur Verfügung stellen. Auf der Tagesordnung stand dieser Beschluss nicht.

Plötzlich und völlig unerwartet bekam ich einen Anlass, tätig zu werden. Ich stellte einen Antrag auf Herausnahme meines Grundstücks aus dem Bebauungsplan. Es hätte klar dem Gleichheitssatz widersprochen, wenn man wegen Plereiter den Bebauungsplan änderte, wegen einem anderen Grundstückseigentümer jedoch nicht. Die offensichtliche Ungleichbehandlung hätte gute Chancen gehabt, durch Richterspruch bestätigt zu werden. Es verging wieder einige Zeit, bis ich ein Schreiben der Gemeinde erhielt, meinem Antrag würde statt gegeben. Und tatsächlich wurde mein Ansinnen jetzt endlich amtlich gemacht und jeder Inzeller und auswärtiger Interessierte hat nun die Möglichkeit, seine Vorstellungen über die Entwicklung des Ortskerns vorzutragen.

Ergebnis: Nun ist es amtlich, dass eine Bebauung der städtebaulichen Achse Rathaus-Dorfkramer-Post keine unsinnige Vision eines Spinners ist, wie von den üblichen paar Dorftrotteln im üblichen Dorftratsch kolportiert. Da Rochus Nützel als auch Martin Hobmaier zu einer Kooperation nicht bereit oder nicht fähig sind und abzusehen ist, dass sich in den weiteren zehn Jahren außer der Plakatierung der Holzwand an der Postbaugrube nichts tut, arbeitet der Dorfkramer halt alleine an seinen Vorstellungen weiter. Drei Jahre sind durch die Sturheit, bzw. Kommunikationsschwäche von Hobmaier und Nützel bereits verloren gegangen.

Der Antrag von Josef Plereiter sen. zur Änderung des Bebauungsplans "Zentrale Ortsmitte" in Inzell ist der Grundstein für den Wiederaufbau des Hotels zur Post. Wie dieser aussehen wird, entscheidet die Inzeller Bevölkerung zusammen mit ihren Gästen und Freunden.