31 März 2009

Inzell: Leid und Leid des Hauseigentümers


Freud gibt es für Hauseigentümer wenig: Wenn ein Haus sanierungsbeürftig ist und sich in einem wirtschaftlich toten Ortskern eines bayerischen Touristendorfs befindet. Ist von Berchtesgaden bis Lindau das Gleiche.

Zur Sache: Mein Haus in Inzell beim Dorfkramer stand im Jahr 2004 völlig leer und seither habe ich fast hundert Riesen in die Erhaltung geballert, ohne dass nennenswerte Mieten dabei rausspringen, mit denen man es sich gut gehen lassen könnte. Immerhin habe ich zwei gute Mieter mit Zukunft gefunden. Nun habe ich mich dazu entschieden, mal wieder private Kohle in das Haus zu stecken und mein Snackbarprojekt voranzutreiben.

Besondere Motivation erhalte ich von der Gemeinde Inzell, die auf der Bürgerversammlung die Leerstände im Ortskern als zentrales Problem ausgemacht hat. Das Traunsteiner Tagblatt berichtete, dass man ja leider keinen Einfluss auf den Dorfkramer mit seinen leeren Schaufenstern nehmen könne. Kann man sehr wohl, Herr Bürgermeister. Wenn man sich mit den Grundstückseigentümern im Ortskern konstruktiv und ernsthaft zusammensetzt und Vorschläge aufnimmt, anstatt Zigtausende von Euros irgendwelchen Ingenieuren oder Innenarchitekten (!) für "Masterpläne" reinzuschieben.

Ich habe mich nun entschieden, die Baustelle Inzell anzugehen und dokumentiere den Fall. Allen, die sich am Stammtisch und sonst wo das Maul zerreissen, dass der Dorfkramer immer noch leersteht, sollten mal in sich gehen und sich die sagenhaften Inzeller Projekte der letzten Jahre in Erinnerung rufen, die da wären:

-Biomasseheizkraftwerk (2 mal), gescheitert,
-Halbleiterfabrik im Sulzbach mit Anbindung an Bahnhof Ruhpolding. Aufkaufen vieler Grundstücke von Privatperson mit Neuausrichtung des Dorfes. Nicht weiterverfolgt, da sich der Initiator als Hochstapler entpuppte,
-"Golfpark", seit fast zehn Jahren Dauerprojekt,
-Campingplatz, wird nicht gebraucht, da nun ja irische Investoren (?) Ferienhäuser bauen, die an Iren oder Engländer vertickt werden sollen,
-Neues Verkehrskonzept mit Untertunnelung der B 306. Sogar im alles abnickenden Gemeinderat kritisiert,
-Eishalle; offensichtlich illegal Aufträge vergeben ohne Plan. Ziel: 35 Millionen für eine Halle rausballern, die sieben Monate im Jahr leersteht und von zwei Dutzend nicht der Spitzenklasse angehörigen Läufern genutzt werden soll bei ca. einem Dutzend Zuschauern,
-Superneue touristische Ausrichtung. Leider Gernot Fritsch geschasst, den ersten Touristikmanager Inzells, der diesen Namen verdient hat. Im Geschäftsbericht 2006 der Touristik GmbH, ersichtlich auf unternehmensregister.de hat er sich entsprechend über Inzell und den maroden bayerischen Tourismus geäußert, Touristische Neuausrichtung, wo bist Du?
-gemeindliche Immobilienleerstände wie Krankenhaus. Natürlich laufen, wie seit einem Jahrzehnt erfolgversprechende Investorengespräche, zumindest in der Fantasie der Gemeinde,
-Südseetherme, Hotels, 225 Millionen. Investoren reiben sich angeblich die Hände, ihre Kohle in einen Standort ohne Einzugsgebiet und einem Staatsbad als Nachbarn zu stecken,
-Hotel zur Post: Wird natürlich originalgetreu zur Saisoneröffnung 2008 wieder aufgebaut (Originalzitat Bürgermeister),
-führende biologische Landschaft an der Goasei-Kiesgrube irgendwo am Sulzbach, hab ich vergessen, gibt es das Projekt noch?
-Mobil durch den Bergwald, EU- wo ist da was geboten?

und so weiter und so bla bla bla.....

Nicht zu vergessen, dass alle Projekte zumindest von europäischem Rang sind, die Eishalle soll weltweit führend werden und so weiter und so bla bla. Der "Naturbadesee", einzig verwirklichtes Gemeindeprojekt, hat es sogar ins Oberbayerische Volksblatt geschafft. Mit freiwilligem Arbeitsdienst einzelner Idealisten.

Die Gemeinde sollte also vom Glashaus aus nicht mit Steinen auf ihre Nachbarn werfen, die die selben Schwierigkeiten haben. Es ist schon ein unüberwindliches Problem, sich über eine gemeinsame Energieversorgung zu unterhalten,die sinnvoll wäre. Meine vorgeschlagene Immobilienentwicklungsgesellschaft wurde ja auch abgelehnt wie so vieles vernünftige, das in Inzell keine Chance hat.

Fußnote: Die Gemeinde hat sich immerhin dafür eingesetzt, dass das Landratsamt die Nutzungsänderung in eine Kaffeebar schneller genehmigte. Das Landratsamt verlangte nach einigen Monaten ein "Immisionsschutzrechtliches Gutachten", also ein Gutachten über möglichen Lärm in der Nachbarschaft (kostet ca. zwei Riesen). Die Nachbarschaft des Dorfkramer besteht seit geraumer Zeit (300 Jahre?) aus einem Tagescafé, das die meiste Zeit dicht hat, einer Bäckerkette mit 80er Jahre Style, dem ab 17.00 Uhr toten Rathaus, der größten Baugrube im Dorf (Hotel Post) und, ja, hätte ich fast vergessen:

dem alten Friedhof.

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