17 September 2007

Activist Art: Kunstform für Politische Kommunikation

Heute ist es Zeit, mit der Besprechung einer Kunstform zu beginnen, deren explizite Nennung letztes Jahr während der IWF-Weltbank Tagung in Singapur erstmals Kreise erreichte, die kulturell kaum gebildet sind und Kunst vordergründig als Investment sehen: die internationale Finanzwelt. Ich erntete mit der Ankündigung, ich würde eine "Activist Art Performance" machen Interesse, vor allem bei den Einwohnern von Singapur, deren Medien vom ersten Tag an über die Aktivisten aus aller Welt berichtete und mir mit einer Kamera zusah, wie ich den Ort meiner Performance begutachtete. Die Regierung Singapurs wollte damals nicht, dass es Unruhen gab und stellte im Tagungszentrum einen Platz zum Demonstrieren zur Verfügung. Was wesentlich wirkungsvoller war, da ich das Thema "Betrug der argentinischen Regierung in Zusammenarbeit mit IWF und Regierungen" weltweit platzieren konnte, unter anderem durch ein Foto in der International Herald Tribune. Die deutschen Journalisten waren damals sehr reserviert, aber zu diesem Thema komme ich ein ander Mal. Stichwort: "Igitt, ein Aktivist, wir wollten doch das Statement vom Herrn Bundesfinanzminister abschreiben."
Wenn Sie in google den Begriff "Activist Art" eingeben, werden Sie erkennen, dass es Ihnen kaum deutschsprachige Seiten dazu ausgibt. Ich stehe mit meinem Dorfkramer Blog ganz oben. In Wikipedia gibt es nur den Begriff der Protest Art. Das bedeutet, dass diese Kunstgattung noch nicht so recht besetzt wird. Ist sie schließlich auch die Kunstgattung fortgeschrittener Demokratien, in der Einzelinteressen artikuliert werden müssen, um nicht unterzugehen. Deutschland gehört nicht zu diesen Demokratien. In Deutschland begann ein solcher Ansatz mit dem Argentinienbetrug unter Horst Köhler und dem IWF, der nach wie vor durch die Bundesregierung gefördert wird, da schließlich diese Bundesregierung selbst Gläubigerin Argentiniens ist und ihre Machtstellung dazu ausnutzt, die eigenen Bürger zu benachteiligen. Dies mit dem Totschlagsargument, es handle sich um eine Privatangelegenheit gieriger Spekulanten, obwohl es sich um eine sittenwidrige Kreditgefährdung des IWF und eine nachfolgende pure Zahlungsverweigerung Argentiniens war.
Wenn alle Papiere, die publiziert werden und Gespräche die geführt werden nicht dazu verhelfen, dass ein für das Gemeinwohl nützliches Einzelinteresse von einem Machthaber gewürdigt wird, gibt es nur drei Wege: Unterordnung, Kunst oder Gewalt.
Ich habe mich für den Weg der Kunst entschieden und werde die einzelnen dabei entstandenen Artefakte hier besprechen, um deutlich zu machen, um was es jeweils ging. Am wenigsten wurden diese Artefakte im deutschsprachigen Raum verstanden, was mich dazu veranlasst, hier einmal mit einer allgemeinen Hinführung zum Thema zu beginnen.
Beginnen wir also mit einem Besuch der documenta in Kassel. Der Besuch ist angesagt, weil man auf relativ engem Raum einen Überblick über den Stand der Kunstwelt bekommt und aufgrund der Vielzahl der Werke mit Sicherheit einen Gewinn für sich selbst erzielen kann. Schließlich erfährt man Kunst dann, wenn man selbst berührt wird. Nicht jedes Werk erzielt bei jedem Menschen diese emotionale Berührung, weil die Menschen unterschiedlich codiert sind und damit Sinneseindrücke emotinal unterschiedlich verarbeiten. Einfach ausgedrückt: Jeder sucht sich die Dinge raus, die ihn berühren. Unbewusst oder bewusst. Und das ist dann einfacher, wenn es eine größere Auswahl gibt.
Bei mir geschah dies erst einmal bewusst, indem ich den Katalog durchblätterte. Dadurch erreichte ich eine Zeitverkürzung, da mir die Dinge auffielen, für die ich mich interessiere, nämlich die politischen Artefakte, die auf Unterdrückung und Ausgrenzung abzielen. Gelesen habe ich dabei die englischen Texte, da mir aufgefallen war, dass die deutschen Beschreibungen zum größten Teil schlechte Übersetzungen waren, die viel zu viel der lateinischen Begriffe im Englischen übernahmen. Dadurch viel mir jedoch auch die sogenannte politische Kunst auf, da sie auch sprachlich über mehr Kraft und Energie verfügt als allgemeine Besprechungen.
Politische Kunst ist ein Oberbegriff der "Activist Art". Es ist Kunst von Künstlern, die ein politisches Thema aufgreifen und die kraft ihrer Ausbildung und Kreativität bessere handwerkliche als auch emotionale Umsetzungsmöglichkeiten haben. Dem Aktivsten, dem selbstbetroffenen Produzenten, ist dies verwehrt. Activist Art wird deshalb keine hochwertige Kunst im Sinne einer Political Art sein. Auf der Documenta gab es sowohl diese Politische Kunst als auch die spontane und medienorientierte Activist Art.
Beginnen wir mit der Politischen Kunst. Faszinierend schon im Katalog durch Ausdruck und Stringenz der Kommunikation, des Begleittextes: Kerry James Marshall und sein SynchronComic Rythm Mastr. Von Marshall hängen auf der documenta mehrere Werke, von denen ich unbewusst gepackt wurde. Eigentlich suchte ich nur den SynchronComic. Dann sagte mir der Aufseher, dort und da drüben würden Bilder von Marshall hängen. Als ich dann hinging, bemerkte ich, dass es just diese Bilder waren, die mich bei der ersten Runde, die ich gedreht hatte, unbewusst am stärksten angesprochen hatte und ich suchte fieberhaft und gespannt, die Rythm Mastr Reihe, die sich hinter dem Eingang des Aue-Pavillon befand.
Es entstand eines dieser seltenen Glücksmomente. Wenn sich eine Art Zwiegespräch mit einem Kunstwerk ergibt. Eine Kommunikation. Was sagt mir das Werk und was sage ich ihm. Ein Forschen nach weiteren Codes, nach Stilmitteln. Fragen. Erfahrungen. Black Power in den USA. Die Übernahme einer Kultur, die Verdrängung und das Entstehen neuer Ausdrucksformen, die wiederum exportiert werden. Genauso war es bei uns auch. Oder ist es bei uns. Wir, und da meine ich speziell mich, sind und ich bin Angehörigkeit der sogenannten deutschen Mittelschicht und kriegen immer wieder eins auf den Sack. So subtil, dass es die meisten gar nicht merken. Wie Ihr schwarzen Communities in USA. Die ihr den christlichen Glauben übernehmen musstet und wir, die wir die tagtägliche Penetration globaler Konzerne in unserem Lebensräumen dulden müssen. Was bleibt ist der Export von Rap und für uns der Export des Oktoberfests. Alles unter Abkassieren immer der selben multinationaler Konzerne. Marshall zeigt eine kulturelle Community ohne zu wissen, dass ein Betrachter in Kassel ihm sagen will. Hey Man, uns geht es genauso. Wir müssen unsere Dialekte aufgeben, brauchen einheitliche BWL-Jura-Ingenieurs-Lebensläufe. Müssen ein Auto haben, obwohl es in der Garage steht, müssen zum Shopping-Event in die Innenstadt. Brauchen Marken, die groß auf den Produkten prangen, da die Leute nicht mehr erkennen, was ein gutes Produkt ist und eben durch die Marke schnell ausdrücken wollen, dass sie ein gutes Produkt gekauft haben. Dann brauchen wir neue Religionen, weil´s der Katholizismus nicht mehr tut. Und so weiter. Dafür rackern wir uns ab und lassen alles mit uns machen. Kommt einer von unserer Mittelschicht nach oben, wird es ihm schnell wieder abgenommen, sei es durch Insolvenzen oder andere Umverteilungsplattformen, die von der Justiz als solche abgesichert werden.
Marshalls Werk sollte aufgekauft werden von einer unabhängigen Stelle, die es jedermann ermöglicht, dieses Werk zu sehen. Wahrscheinlich wird es jedoch in irgendeiner Privatsammlung der Oberschicht verschwinden. Was wiederum die Verwundbarkeit dieser Political Art ist: Sie wird letztendlich denjenigen verkauft, deren Wirken sie anprangert.
Anders bei Activist Art. Diese Form zielt auf spontanen Ausdruck, schnelle Kommunikation über Medien und damit für Machthaber viel gefährlicher. Zu nennen: Grupo de Artistas de Vanguardia mit Archivo Tucumán Arde. Der maßgebliche Kulturexport Argentiniens neben Tango ist Activst Art. Die Argentinier sind ein kulturverständiges Volk. Bis hinunter zum Schuhputzer werden politische Aktionen verstanden und auch entsprechend gewürdigt. Es war kein Zufall, dass das Schicksal der Bonistas, der Anleger, die von Argentininen betrogen wurden, in den Medien viel stärker Beachtung fand als meinentwegen in Deutschland. Wie gesagt, ich werde in einem Artikel über die kulturellen Unterschiede von Journalisten noch zurückkommen. Deutsche Journalisten und auch Feuilletonisten verstehen diese Kunstform nicht und ich kann nur hoffen, dass sich viele die Dinge der Argentinier auf der documenta angesehen haben. Alles war aufgebaut wie eine Art Messestand und nur Verständige erkannten, dass die einzelnen Bilder, Plakate, Schriften, Transparenten, Fotos von Zusammenkünften ein Sammelsurium von Artefakten war, die eine einzige, über Jahre hinweg dauernde Kampagne darstellten. Die Ausstellung wurde dann auch in Buenos Aires von der Polizei dichtgemacht.
Besondere künstlerisch-akademisch-handwerkliche Leistungen wird man der Gruppe Vanguardia nicht attestieren. Gleichwohl hatte diese Activist Art Sprengkraft. Entfaltete ihre Wirkung durch die kulturelle Elite Argentiniens, die nach wie vor und bei aller Repression durch die Regierung, in den Medien Botschaften transportiert. Anders als in Deutschland. Dort wird eher über den Schwarzen Block berichtet. Schließlich liefert dieser durch Straßenschlachten und Gewalt eingängigere Codes, die von jedem, auch von einem deutschen Journalisten, verstanden werden. Auch der Schwarze Block ist Activist Art durch die Bezeichnung, die Kleidung. Jedoch und das ist eine klare Grenze: Jegliche Gewalt entfernt sich von einer friedlichen Artikulation politischer Interessen und stellt eine eigenen Gattung der Politischen Kommunikation dar.
Als Ergebnis halte ich fest: Activist Art ist die Kunstform, die in unserer demokratischen Auseinandersetzung erst am Beginn einer Entwicklung und Durchsetzung steht. Dadurch, dass unsere Elite der bürgerlichen Mitte den Krieg erklärt hat, bzw. dass einzelne Geschädigte dieser Mitte langsam erkennen, was los ist und dagegen zu kämpfen beginnen, kommt diese Gattung aus dem Ruch der Dissidenten, der Revoluzzer heraus, die den Staat per se schädigen wollen.
Activist Art ist deshalb eine Notwendigkeit, die sich aus einer Machtlosigkeit der Bevölkerung gegenüber den Partei- und Wirtschaftseliten herausbildet. Kein Wunder, dass mein Vorschlag von der Bundesregierung nicht angenommen wurde. Es handelte sich um den Vorschlag, beim G8-Gipfel in Heiligendamm eine Möglichkeit für Acitivst Art zu schaffen. Wie in Singapur. Die Regierung von Singapur verstand, worum es ging. Was in Heiligendamm dann passierte, brauche ich nicht erzählen. Die Kritik an den Mächtigen versandete, da die Kritiker Gewalt anwanden. Das Gewünschte war erreicht. Und wieder konnte man der Bevölkerungsmehrheit eintrichtern, dass es sich um Globalisierungskritiker handelte, die nur Steine würfen. Alles gesteuert.
Deutsche Activist Art wird deshalb auch weiterhin außerhalb des Landes praktiziert. Und ausschließlich hier im Dorfkramer Blog kommuniziert. Zum Beispiel die Freibayer-Kampagne.