06 September 2007

Forum Argentinien Anleihen: Der plötzliche Tod


Ich habe bereits in mehreren Argentinien-Artikeln das Wiebel-Forum erwähnt. Heute nachmittag spielte sich nun folgendes ab: Bernd Wiebel, der das Forum jahrelang gepflegt hat, stellte um 13:02:20 Uhr ein lapidares Posting ins Forum mit "Tschüß, das Forum wird geschlossen." Da mich das Wiebel Forum seit über fünf Jahren am PC begleitet, habe ich es erst nicht geglaubt und war regelrecht schockiert, als das Forum für einige Minuten vom Netz ging. Es war wie ein plötzlicher Tod. Versöhnlich gestaltet nur durch das Wiederhineinstellen des letzten Postings und der Möglichkeit für die anderen paar Dutzend Wiebel-Junkies, Abschied zu sagen. Ob es das neue Forum bringen wird, weiß man ebenso wenig wie die Akzeptanz, sich im Bondboard wieder mit anderen Anlegern herumzuschlagen, die von Argentinien nicht bis ins Mark verletzt worden sind. Wie wally, der die Anleger seit Jahren als Seniorberater begleitet. Und der heute, ebenfalls Wiebel-Junkie und tagtäglich im Netz, wenn er nicht grade seine Peking-Enten füttert, plötzlich in den plötzlichen Tod geplatzt ist und sofort erkannt hat, dass damit eine Ära zu Ende gegangen ist. Das Foto oben dokumentiert den Start des Wiebel Forums am 02. März 2002 und den letzten wally Kommentar, der mittlerweile leider nicht mehr zu sehen ist: Eine Anlegergeschichte geht zu Ende.
Suchtpotenzial Wiebel: Ich erinnere mich noch genau an das Inwent-Seminar im Frühjahr 2003 in Berlin. Rolf Koch bekam, ebenso wie wir, noch kurz vor Beginn Wind von der Sache. Obwohl uns das "Insolvenzrecht für Staaten" unmittelbar betraf, wollten die Herrschaften unter Anne O. Krueger, der damaligen Vizepräsidentin und IWF-Matrone und dem argentinischen technischen Direktor Guillermo Nielsen unter sich bleiben. Mühsam gelang es mir mit Ansgar Ostermann, dem wir den Titel IGA-Chief Economist verpassten, sogar in der Diskussionsrunde sitzen zu dürfen. Während ich gegen die Enteignung Argentiniens unter der Ägide des IWF wetterte und Ostermann in nationalökonomische Diskurse eintauchte, mischte sich Rolf Koch unters Finanztheoretikervolk. Dreist hatte er sich als "Representative of Bondholders" ausgegeben und freute sich, jedem einzuschenken, dass er Argentinien bis aufs Blut pfänden würde. Es gibt davon ein Konferenzfoto, das ich irgendwann einmal in diesen Blog stellen werde. Aber Koch war bei aller Aktivität relativ kurz angebunden. Er konnte es gar nicht erwarten, wieder zu Hause zu sein und sprach das aus, was ihn wirklich berührte: "Ich muss heim. Wiebel gucken!"
Rolf Koch war ein Wiebel-Junkie, ein Internetsüchtiger. In Zeiten der heissesten Kampagnen saßen auch die anderen Anleger vor dem Kasten und verfolgten die News, die sofort mit schrägsten Kommentaren bedacht wurden. Realist und deshalb unerträglich: wally, der nicht kapieren konnte, dass sich die Anleger Träumen hingeben mussten, um die Sache emotional abzufedern. Die Einsicht einen Haufen Geld verloren zu haben und zwar nicht mit dubiosen Internet- oder Investmentklitschen, sondern unter einhelliger Aufsicht aller Regierungen der Welt, insbesondere der US-Administration und der Bundesregierung: Die erste globale Abzocke von Privatanlegern aller Zeiten. wally zerstörte Hoffnungen in die Macht des Rechts, der Diplomatie, der Faktizität wirtschaftlichen Handelns. Er begründete seine Thesen nicht und das machte sie so furchtbar. Ähnlich wie ein Psychoanalytiker legte er seine Finger in die Wunden, erzeugte wütende Ausbrüche und half letztendlich einer Vielzahl von Anlegern wieder auf die realen Beine. wally wurde für mich erst so um 2003 herum wieder zu einem normalen Mensch, mit dem man sich unterhalten konnte.
Wer erinnert sich nicht an das Pseudonym HG? Der wochenlang die wildesten Verschwörungstheorien ins Forum stellte? Den unflätigen Ernst Kratzer, der auch heute wieder erschienen ist, als Wiebel-Junkie und der immer dazu stand, dass er ein normaler Kleinanleger war, der sich einfach als furchtbar Beschissener fühlte. Bei Wiebel konnte er sich auskotzen. Ebenso wie der Anleger, dessen Anlageentscheidung dazu führte, dass er Sozialhilfe beantragen musste: Nach Hausverkauf und Scheidung. uc, der Volkswirt aus Istanbul. Dutzende weitere Wiebel Stars gab es über Wochen hinweg. Sie verließen das Forum wieder oder gaben sich andere Spitznamen.
Dann die schlechten Seiten. Das Wiebel Forum war am interessantesten, als es noch unzensiert war. Als alle möglichen Beiträge stehengelassen wurden. Mit der Folge, dass es richtige Verleumdungen gab. Wie durch Dr. Bengel. Der wie andere Einzelgänger auch alles unternahm, um die Einigung von Anlegern und eine gemeinsame Vertretung grundsätzlich als unseriös hinzustellen. Nicht nur solche miesen Beiträge waren es, die das Forum streckenweise als verabscheuenswürdig erschienen ließ. Es waren auch die beißenden Kommentare. Wie von alois. Oder Rider. Die alles niedermachten, was andere in der Öffentlichkeit machten. Motivation: gleich null. Du schaffst es, als deutscher Pimpelkramer in Argentinien bis in die Abendnachrichten mit einem Nischenthema (7 Millionen Zuschauer). Auf die dortige Sonntagsausgabe von Clarin (2 Millionen Zuschauer). Erstmals haben die Bonistas ein Gesicht. Taxifahrer sprechen Dich an. Menschen geben Dir auf offener Straße die Hand. Und im Internetcafé beim Wiebel-Check: beißende Kommentare. Was will er denn. Die ganze Soße, die andere Deutsche und Nichtdeutsche auch immer wieder reingedrückt bekommen, wenn sie auf unkonventionelle Weise an Probleme herangehen.
Und die Abgründe menschlichen Daseins. Die Gründung von sogenannten Anlegergemeinschaften, die durch Intrigen auseinanderbrechen. Alles offen kommuniziert im Wiebel-Forum. ADRIA, Abdreco. Wer kennt nicht den Wiebel-Dauerposter Rechtsanwalt Jakob Heichele aus Friedberg/Bayern, der unter wechselnden Pseudonymen um Mandanten gekämpft hat? Der sie nun hat, ohne Vertriebskosten, die er auf Bernd Wiebel abwälzen konnte. Dann Ansgar Ostermann, "Mond", der auch auf Ego-Trip war und immer noch nicht verstanden hat, dass sein Wissen und seine Kreativität viel mehr bringt, wenn er das mit anderen Menschen teilt, neu zusammensetzt und stringent kommuniziert. Die Grabenkämpfe, zuletzt im April, als wir für die American Task Force Argentina in Frankfurt eine Veranstaltung machten und bei der wir Leute wie on4 nicht haben wollten, weil wir wussten, dass diese wieder mal eine kostenlose Plattform haben wollten zur Selbstdarstellung als auch zur Acquise von Kunden und Mandanten. Natürlich unter wilden Beschimpfungen und Unterstellungen im Forum.
Das war Wiebel. Eine überfünfeinhalbjährige Fallstudie über Anlegerverhalten. Überhaupt menschliches Verhalten in Zeichen der Krise. Gestaltet von einigen wenigen. Viele haben ja nur gelesen, über eineinhalb Millionen mal. Das ist der Wissens-Wiebel. Das Forum als Erkenntnisquelle und deshalb wertvoll. Wiebel hat eins gezeigt: Im Falle einer Krise, ist ein Internetforum ein wesentlicher Halt für viele Menschen, eine Austauschplattform, die ähnlich wie die psychoanalytische Therapie tagtägliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Schicksal erfordert. In diesem Sinne haben sich viele eine reale Therapie sparen können und somit war Wiebel einen fünfstelligen Betrag für viele Anleger wert. Womit wir beim Geld wären. Bernd Wiebel, Uhlandstraße 23/2, 73765 Neuhausen hat solches verdient. Hoffen wir, dass er es bekommt. Vielleicht von den zahlreichen Lesern der Deutschen Bank, Clearly Gottlieb Steen and Hamilton oder Rechtsanwalt Wolfgang Strba. Und andere, die auch von Wiebel profitiert haben und keine Argentinien-Geschädigten sind. Journalisten, IWF-Mitarbeiter, die zum IWF gekommen sind, weil sie sich im Studium mit Argentinien beschäftigt haben. Und so weiter.
Und vergessen wir auch nicht, dass Wiebel nicht nur von Bernd gelebt hat, sondern von den Autoren, die sich beste Mühe gegeben haben, spannende und unterhaltsame Streitereien zu präsentieren, blendende Finanzmarktanalysen und juristische Expertisen. Den fleißigen Zeitungsartikelausallerwelthinheinstellern. Übersetzern. Archivaren. Kommentatoren. Ja, auch diesen Beteiligten gebührt der Dank, nicht nur den Lesern und dem Bahnwärter Wiebel, der aufpasste, dass die Bahn fahren konnte.
In diesem Sinne: Adios Wiebel Gemeinde!
Nachtrag, 7. September 2007: Heute morgen hat Bernd Wiebel auf seiner Internetseite den Grund für das Ende genannt: Vier Gesellschafter der oben genannten Adria GmbH hätten ihn dazu genötigt. Die Tatsache, dass er diese Aussage mittlerweile wieder gelöscht hat, zeigt, dass ihn diese Gesellschafter sogar heute noch gepresst haben. Ich schreibe dies auf, weil ich den Eintrag bezeugen kann und diese Erinnerung noch frisch ist. Als Gesellschafter der Adria GmbH traten vor einigen Jahren folgende Personen auf: Roland Garcon, Ansgar Ostermann, Werner Campbell und ein Herr Schumacher. Zusammengearbeitet wurde mit Rolf Koch und Rechtsanwalt Jakob Heichele.

Zeitenwende in Bayern: Wie Edmund Stoiber, Günter Beckstein und Siegfried Schneider Terroristen heranzüchten

Heute, inmitten der Hysterie um sogenannte islamistische Terroristen, die ein Bombenattentat geplant haben, flattert mir ein Brief des Kultusministers ins Haus. Die Plakataktion an der Theatinerkirche sei gerechtfertigt. Es ließe sich nur über Geschmack streiten usw. Mit keinem Wort wurde auf meine dezidierten Vorwürfe eingegangen. Nämlich, dass es sich um die Entwertung eines staatlichen und religiösen Symbols handelt. Ein typischer nichtssagender Brief eines bayerischen Ministeriums.

Nun rätselt natürlich alle Welt, vor allem Polizeiminister Beckstein, wie es sein könne, dass immer mehr zum Islam konvertieren würden und sich dann auch noch gegen Kulturimperialismus aller Art gewaltsam zur Wehr setzen. Die Antwort geben noch bis Ende November alle Werbeplakate an der Theatinerkirche, also nicht nur das Ribery-Plakat: Die Entwertung der zwei integrierenden Identitätsanker Staat und Religion bringen motivierte Menschen dazu, sich einen anderen identitätsstiftenden Ersatz zu suchen.

Nun brauchen natürlich die Polizeiminister Beckstein und Schäuble solche vereitelten Attentate, um weitere Maßnahmen hin zu einem Überwachungsstaat zu rechtfertigen. Es ginge aber auch anders. Es ginge zum Beispiel mit einer klaren Aussage, dass staatliche Symbole wie die Theatinerkirche von Werbung frei bleiben, weil es dem Staat und der Kirche wert ist, dieses Symbol auch ohne Werbeeinnahmen zu finanzieren, was ohne weiteres möglich wäre. Was soll sich ein Mensch denken, der bisher an Bayern geglaubt hat und nun Ribery auf einem Plakat an der Theatinerkirche erblickt, der die bayerische Kultur verhohnpiepelt? Was soll er davon halten, dass ein Staat mitten in seinem Zentrum die Penetration des öffentlichen Raums duldet: für eine Handvoll Dollars? Richtig: Er hält von diesem Staat genausoviel wie von einem kleinen Zuhälter.

Es ist unbegreiflich, dass es keine Münchner oder bayerische Kulturelite gibt, die solche Zusammenhänge durchschaut. Ein Kultuminister Schneider, dem alles wurscht ist, der in den Meinungsstrom der Beliebigkeit eingetaucht ist. Ein Polizeiminister Beckstein, der sich um Aufklärungsquoten Sorgen macht, anstatt einfachste Prävention zu betreiben. Signale wie das der Theatinerkirche, dass in Bayern Symbole für ein paar Riesen gekauft werden können. Dass sogar die katholische Kirche zu diesem Geldbeschaffungsmittel greift, anstatt Spenden zu sammeln, die ich als erster gegeben hätte. Wer glaubt einem Pfarrer, der zu faul ist, eine solche Spendenaktion zu veranstalten? Und wer glaubt im Gegensatz dazu einem Fastenprediger in Pakistan, der sogar dazu bereit ist, für seinen Glauben sein Leben zu lassen? Und glaubt die stupide Spass-Masse nicht längst an den Fussballer Franck Ribéry der engels- und königsgleich den Sinn des Lebens vermittelt?

Eben: Und darum ist ab heute mit dem Zusammenfallen des Schreibens des Kultusministers mit dem aufgedeckten Terroranschlag die Zeitenwende in Bayern eingeläutet. Bayern ist ein beliebiges käufliches Bundesland geworden, dessen Symbole in München und anderswo reine Renditeobjekte aus einer vergangenen Zeit sind. Es gibt keine bayerische Identität; die Gesellschaft ist in Teilidentitäten zersplittert und schafft sich eigene Räume. Auch innerhalb der deutschen Bevölkerung. Es gibt keinen gemeinsamen Anker mehr, die letzten Bastionen Religion und Staat sind mit der Theatinerkirche endgültig geschliffen.

Diese Tatsache muss jedem klar sein. Und auch muss jedem klar sein, dass es wie seit Jahrtausenden Menschen gibt, die einen höheren Sinn suchen, als den Turnschuhkonsum und die wöchentliche Fussball-Bundesliga. Einige dieser Menschen ziehen sich zurück in Askese oder andere Lebensstile. Andere jedoch, und so wird es immer sein, wollen andere Menschen vom höheren Sinn überzeugen und finden diese durch gewaltsame oder gewaltlose Beiinflussung.
Die genannten Mitglieder der Bayerischen Staatsregierung durchschauen diese Zusammenhänge nicht. Sie wenden sich eher dem CSU-Bierzeltwahlkampf zu und diskutieren über Themen, die nicht einmal ich kenne, da ich mich, wie viele, nicht dafür interessiere. Was bleibt ist die Dokumentation dieses Geschehens: Die Zeitenwende in Bayern.