21 Mai 2007

Inzell: Das Hotel Post brennt ab


Heute eröffne ich mal die Rubrik "Ereignisse". Ich möchte darin nur Ereignisse aufnehmen, die für bestimmte Kreise prägend sind und so nicht in anderen Medien geschildert werden. Dazu gehört der Brand der "Post" in Inzell, der das Hauptgebäude in der Nacht vom 19.-20. Mai 2007 vernichtet hat. Die "Post" ist der "Gasthof zur Post", der seit Jahren als "Hotel zur Post" firmiert.
Es war schon ein ungutes Gefühl, als wir, zufällig nach Inzell kommend, am Irschenberg den Telefonanruf bekamen, die Post würde brennen. Ungünstige Windverhältnisse, ein schnelles Ausbreiten des Feuers, würden dazu führen, dass mein eigenes Haus, der Dorfkramer, ebenso in Mitleidenschaft gezogen würde. Wenn auch keine Menschen in Gefahr waren: Ein Brand ist niemanden zu wünschen. Er wirft um Jahre zurück, auch wenn die Versicherung zahlt.
Nun war bereits am Chiemsee die Rauchfahne zu sehen, die nach Westen zog. Die Feuerwehr war sich auch sicher, dass sich der sich ausbreitende Brand nicht auf die Nachbarhäuser, bzw. sogar auf Kirche ausbreiten würde. Ich musste also keine Angst haben und hatte die Möglichkeit, den Brand aus nächster Nähe zu beobachten. Ich entschied mich, Filmaufnahmen zu machen und ins Internet zu stellen. Eine Art Dorfchronik.
Die Post, die fester Bestandteil meiner Kindheit und Jugend war, fackelte also heroisch ab. Beschränkte sich nicht auf kindische Zündeleien, sondern bot eine Ästhetik des Grauens.
Architektonisch war der Dachstuhl das herausragende Element im Dorfbild. Wenn man anreisende Architekten beeindrucken konnte, dann beim Sitzen auf der Terrasse des Gasthofs Kienberg und dem Blick auf die verschachtelte Struktur, die Holzschindeln, die die Gauben drapierten wie eine aus einer Hand geschaffenen Skulptur.
Aber die Post war noch mehr: Sie war das Symbol für den Strukturwandel der Dorfgesellschaft. Noch in den Siebziger Jahren war es bei den Eigentümern Wallner üblich, dass sich die Männer nach der Kirche im Stüberl beim Schafkopfen und Leutausrichten trafen. Die lärmende, rauch- und biergeschwängerte Enklave im staatlich anerkannten Luftkurort ist mir noch gut Erinnerung, da es meine Aufgabe war, dem Vater zum sonntäglichen Mittagessen ab und dürm eine Sondereinladung zu überbringen. Wenn es gar recht heiß herging. Diese Freizeitgestaltung fand dann aber immer weniger Anhänger. Die Familie Nützel, die das Objekt kaufte und Anfang der Achtziger zum Hotel umbaute, nahm diese Entwicklung letztendlich nur vorweg. Mit der Einführung der "Breissnhalbe", also dem Bier-Willybecher mit 0,4 cl Inhalt, gab es zwar einen offiziell ausgesprochenen Boykott der Dorfmännerschaft, der jedoch nur noch ein Aufbäumen gegen das längst Vergangene war.
Es kam dann noch die Ära der Postillion-Bar, dem Refugium der sogenannten Saisonerer, die auch schon ausgestorben sind. Wie die Gänsegeier vom Untersberg kamen sie aus ihren Gehöften, saßen an der Bar und beglückten die Damenwelt der Wellnessoase, wenn die Zeit danach war. Wir nutzten die privilegierte Stellung der Post, die alles bei der Gemeinde durchzusetzen vermochte, und so längere Öffnungszeiten hatte. So konnten wir nach den Zechgelagen in Frantitscheks Dorfpub, diese noch ungeniert und ohne Eingreifen der Ruhpoldinger Dorfbullerei verlängern.
Nur ein paar Bausteine der Erinnerung. Mit der Post verliert das Dorf vorübergehend ein Symbol. Jede Generation hatte damit zu tun. Die ganz Älteren hatten bereits den Verlust mit dem Abbruch des alten Postsaals. Die ganz Jüngeren, die ihre Gelage die ganze Dorfnacht lang in der Postillion-Bar durchzogen, werden auch die vorübergehende Schließung verkraften.
Was bleibt, ist der Gedanke an die Vernichtungskraft, die binnen Minuten real geglaubte Dinge verschwinden lässt. Die Vernichtungskraft, die den Menschen an das Vergängliche erinnert. An die Tatsache, dass alles nur gemietet ist. Und es nur um die Ausgestaltung des Mietvertrags geht. Wenn die Post nun den bewährten Weg einer Vorwegnahme der Gegenwart in einem vergangenheitsbezogenen Dorf einschlägt, dürfte sie den neuen Mietvertrag entsprechend anpassen. Wenn.