12 September 2007

Hamburg Reeperbahn: Wie Touristen abgezockt werden

Heute eröffne ich den Themenkreis "Produkt Lobby". Es geht darin um alles, was uns verkauft wird, ob Ware oder Dienstleistung. Auch unter dem Begriff Verbraucherschutz bekannt. Jedoch werde ich hier keine Testreihen präsentieren, sondern über Erlebnisse mit diesen Waren und Dienstleistungen. Dorfkramer Activist eben.
Und damit geht es los: Erste Station ist Hamburg. Wie einige Male muss ich dort eine kurze Zeit in der Nacht verbringen, zwischen dem letzten ankommenden Zug und dem ersten abfahrenden Zug, also die Zeit zwischen ungefähr 23.30 und 5.30 Uhr. Es lohnt sich nicht, dafür ein Zimmer zu buchen, zumal, wenn man eingeschlafen ist ja nicht mehr so leicht aus den Federn kommt. Die Zeit lässt sich ja auch ganz gut verbringen, da man Trendscoutaktivitäten entfalten kann. Also, was gibt es in Hamburg neues, was es in Bad München und Land nicht gibt. Neue Schuppen, neue Labels und so weiter. Und natürlich Subkulturen wie die boomende SM-Szene, die einen ganzen Rattenschwanz an Produkten und Dienstleistungen mit sich zieht, vom Latexladen bis zum Uniformschneider. In München gibt es noch keinen Laden, er könnte aber kommen und da muss man sich informieren. Nicht zuletzt, weil das Thema höchst medienwirksam ist, wie man am Fall Gabriele Pauli in Latexhandschuhen erkennen kann. Bei uns ums Eck reden die Leute tatsächlich davon, die Pauli sei eine Domina und das täte den CSU´lern mal ganz gut. Auch sind alle Subkulturen grundsätzlich von Aktivisten geprägt und damit wären wir beim eigentlichen Thema.
Es gibt nämlich nicht nur echte Treffs von Subkulturen, sondern auch Clubs und Kneipen für sogenannte Normalos, die mit Frivolitäten aufwarten, um so ein kultiges Ambiente zu bieten. Im Hamburger Prinz steht dann so etwas drin, wie: "Vom Puff zur Szene-Bar. Wie sich der Kiez zum Trendviertel entwickelt" und ähnliches. Ich kaufe mir also den Hamburger Prinz und siehe da: Es findet sich eine SM Bar, die dieses Konzept anscheinend umgesetzt hat. Nichts wie hin und erst einmal ein Herumstreifen auf der Reeperbahn, die sich in den letzten zwanzig Jahren natürlich verändert hat. Sie ist ein größerer Kunstpark Ost geworden und längst nicht mehr ein Vergnügungsort für alle. Die jugendlichen Massen geben sich ein Hangout und man sehnt sich nach einer gemütlichen Bar. Kann aber auch am Alter liegen. Längst vorbei die Zeiten als Buam vom Land, die sich in der Davidswache schlafen legten und frühmorgens vom Davidswachenbullen noch ein Foto gemacht kriegten auf der Holzbank. Und tiefsinnige Gespräche mit den Nutten auf der Straße führten. "Mei, wia kon a so a liabs Dirndl aufn Strich geh" und so ähnlich. Gut katholisch halt. Und völkerverbindend. Wie im Zillertal, wo man bis 20.00 Uhr billiger kampftrinken konnte und Gruppen in Südstaatenuniformen mit Platzpatronengewehren in die Luft ballerten, während auf der Bühne die Post abging.
Es blieb davon eigentlich nur der Elbschloss-Keller, ein abgefuckter Laden. Aber ehrlich. Grundehrlich. Und deswegen immer ein Bierchen wert. Und die SM-Bar?
Also: Ich gehe rein. Am Eingang eine kleine Kasse wie die Kinokassen früher. Dahinter Glatzkopftyp um die Dreißig. Kurzer Blick in den Laden. Rote Couch mit gemischten Publikum, das heißt auch ein paar Mädchen dabei. Dürfte für den ersten Eindruck reichen. Ich drücke acht Teuro ab und schwinge mich in den Schuppen. Eigentlich ganz nett. Abgedunkelt, Rotlicht, ziemlich verraucht und viele kleine Räume, also so ganz interessant. Beim Weg zur vermuteteten Bar wundere ich mich aber immer mehr über den Männerüberschuss. Knutschende Typen, die nicht nur knutschen. Innige Tanzpaare. Also ein reiner Gayladen, ein Treff der schwulen Kultur, die längst Subkultur war und die viele gesellschaftliche Bereiche besetzt hat.
Wer sich nicht sicher ist, ob er hetero oder schwul ist, weil er eine Frisur vom schwulen Friseur hat, Klamotten vom schwulen Modedesigner trägt, schwul-redaktionelle Lifestylemagazine liest oder gar eine Partei mit einem schwulen Zentralkomitee wählt, sollte in diese SM Bar gehen und testen, ob der das Geknutsche geil findet. Auch ein Test für viele gestörte Paarbeziehungen, in der sich Mann/Frau nicht mehr so sicher sind, was los ist, angesichts der schwulen Dominanz.
Bei mir ergab der Test, dass ich zur Kasse zurückging und mein Geld zurückwollte. "Warum?" "Weil das nicht mein Laden ist, Du verstehst schon, Mann." "Ja und, dann hättest Du eben gefragt." "Du meinst tatsächlich, ich solle fragen, ob eine Kneipe Gay sei oder nicht, aha." Typ schiebt mir vier Euro rüber. "Wenn Du neu in der Stadt bist, musst Du fragen. Normalerweise gebe ich nichts zurück." Denke darüber nach, ob ich ihm nicht zwei Finger in die Nasenlöcher stecken und ihn aus seinem Kassenkasten rausziehen soll und entscheide mich, abzudackeln, da der Kiez fremd ist.
Das ist also mein persönliches Coming out als Hetero. Und das Erlebnis hat dazu geführt, dass ich zum Aktivisten werde und um meine Hetero-Subkultur kämpfe. Ich habe keinen Bock von Clubbetreibern zusammen mit dem Magazin Prinz abgezockt zu werden, indem sie mir die Tatsache verschweigen, dass der Club schwul ist. Das führt sogar bürgerlich rechtlich zu einer Anfechtbarkeit des Vertrags. Für mich führt es zu diesem Blogeintrag und einer ensprechenden Mail an Prinz. Prinz hat diese Tatsache verschwiegen und führt damit Leute in die Irre, die schnell mal in Hamburg das Ding kaufen, um sich was anzusehen. Eine größere Gemeinheit im Tourismus gibt es nicht. Das Ausnutzen von Ortsfremdheit.
Ergebnis: Vorsicht vor Läden, die sich als kultig präsentieren. Die besten Kneipen findet man ohnehin an anderen Stellen. Wie ich. Nach der Reeperbahn bin ich nämlich sofort nach Altona und schneite in eine Kneipe, in der sich noch das Strandgut des Abends versammelte. Netter Umgang, Weiberl Manderl, älter, jünger kreuz und quer. Der Wirt rüttelte mich. Ich war eingeschlafen. Ich bat darum, er möge mich noch ein Stünderl lassen. Der Zug ginge bald. Ich sei nicht besoffen. "Klar, haut schon hin, Alter."
Ich habe in dieser Kneipe in Hamburg Altona nicht einmal etwas getrunken....

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