09 August 2007

München: Stadtwerke und Greencity beuten die Isar aus



Nun bin ich erst ein paar Tage in meinem neuen Münchner Büro; schon flattert mir eine interessante Nachricht ins Haus: Der Münchner Strommonopolist Stadtwerke geht mit den Ökopionieren Green City eine Allianz ein, um die letzte mögliche Stelle der Isar im Münchner Stadtgebiet auszubeuten. Geplant ist ein Laufwasserkraftwerk zwischen der denkmalgeschützten Praterwehrbrücke und der ebenso denkmalgeschützten Maximiliansbrücke. Das alles greift in mein Revier ein und ich gehe dem Projekt natürlich erst mal auf den Grund, um dieses Revier zu verteidigen.

Mein Revier und Lebensraum reicht so ungefähr von der Prinzregentenbrücke zur Ludwigsbrücke. Dazwischen befinden sich die Praterinsel, der Kabelsteg und vor allem die Isar-Schotterbänke. Es handelt sich um eine kleine, eigene Welt. Die Isar hat hier den Charakter eines Gebirgsbachs. Der Flusslauf ändert sich ständig. Bei Hochwasser schäumt sie wild. Bei mittlerem Wasserstand kann illegal gebadet werden. Bei Niedrigwasser die freigelegten Schotterbänke Areal unterschiedlichster Menschen und Tiere, die sich eins mit der Natur fühlen. Einst Ausgangspunkt der Nacktbewegung, werden die wenigen Nackerten heute genauso toleriert, wie Alte, Junge, die Kinder am Spielplatz. Der reichere Teil trifft sich derzeit beim City Beach. Für die ganz Ärmeren tut es der Schotter unter der Brücke oder das denkmalgeschützte Häusl am Müllerschen Volksbad. Die gesetzteren Herren spielen Tischtennis und die verbliebenen Stadtbuam toben sich beim Basketball aus. Ein friedlicher, fast schon heiliger Ort. Der Treffpunkt der Freibayern. Selten gewordenen Exemplaren, die sich nicht irgendwelchen Latex-Polit-Kampagnen unterwerfen, sondern in freiem Willen Körper und Geist den Elementen aussetzen.

Nun wären wir nicht in Bayern, wenn es nicht Menschen gäbe, die irgendwo noch Plätze fänden, wo es irgendein technisches Projekt zu realisieren gelte. Das sichert uns ja schließlich traditionell die Kohle. Einigen mehr, anderen weniger. Diejenigen, die traditionell mehr Kohle mit diesen Projekten machen, treiben weitere solche voran, um noch mehr zu machen. Die anderen schauen zu oder weg. Ein paar ganz wenige schauen nach. So auch ich. Dachte ich mir zu Beginn der Geschichte: naja, ganz interessant; träumte ich gar noch von einem Energie-Bürgerprojekt im Stile dörflicher Stromgenossenschaften, so wurde ich schnell auf den Boden der Realität geholt und erkannte, dass sich hier einmal wieder um eine Verteilungsplattform handelt, bei der einige verdienen, andere verlieren. Dabei geht es nicht immer um Geld, sondern vor allem um Lebensqualität. Lebensqualität, die wie Gesundheit jedem zusteht und unbezahlbar ist. In diesem Fall der Erhalt dieses denkmalgeschützten Bereichs und der Isar. Einen Platz einfach in Ruhe lassen. Kohle woanders verdienen.

Nun soll es bei dem Kraftwerk nicht um Kohle gehen, sondern um die Sicherung sauberen, ökologisch wertvollen Stroms. Dass derzeit alles mit der Aussage verkauft wird, es sei ökologisch wertvoll, bin ich ja schon gewohnt. Es wird alles gesoffen und gefressen, wo nur Bio draufsteht. Nur eine kleine politische Intelligenz, im politisch toten Bayern und München vielleicht im Promillebereich, erkennt langsam, dass diese Marketingstrategie für alle möglichen Dinge herhalten muss und geht dagegen vor, wie die Bürgerinitiative "Sauberes Deggendorf", die es tatsächlich geschafft hat, einen Bio-Ethanol-Unternehmer von seinem Vorhaben abzubringen, eine Art Schnapsbrennerei zu bauen, um Bioethanol-Kraftfahrer ihren Sonntagsausflug zu ermöglichen. Also quasi wird Getreide nicht mehr an den Menschen direkt verfüttert, sondern verbrannt. Bio ist dann die Marke, weil´s vom Bio-Getreide-Bauern kommt und alle freuen sich, weil dann auch die Preise für Nahrungsmittel steigen und die Bauern nicht mehr subventioniert werden müssen. Es gibt deshalb auch Öko-Autos, Bio-Tonnen und Natur-Pflaster mit den ganzen Wertschöpfungsketten, also Leuten, die dran verdienen.

Klar, dass ich hellhörig werde, wenn mir einer ein Wasserkraftwerk als ökologisch wertvoll verkaufen will. Solche Kraftwerke sind bekannter weise diejenigen, mit den größten Eingriffen in die Umwelt. Das Praterkraftwerk soll zwar zu einem Teil unterirdisch verlaufen. Jedoch werden dafür Bäume abgeholzt, es ensteht ein Trafohäusl, das drei Meter hoch ist und mir meine Isarpromenade von Bad München versperrt, Fische verrecken in der Turbine und so weiter. Und vor allem soll Wasser entnommen werden, das meinem Gebirgsbacherl im Sommer das Waser nimmt. So die erste Bestandsaufnahme. Nachdem ich mich nun einige Tage mit dem Fall beschäftigt habe, bin ich zur Entscheidung gelangt, dieses Projekt in mein Lobbyportfolio mit aufzunehmen. Um zu dokumentieren, wie eine solche Verarsche der Bevölkerung von den sogenannten Kommunalpolitikern als Handlanger der Energielobby funktioniert, beginne ich erst einmal hier zu schreiben. Man wird sehen, ob sich eine Kampagne entwickelt und der Eingriff in dieses wertvolle Platzerl wenigstens abgemindert, wenn nicht gar verhindert wird. Das Verfahren läuft derzeit bei der Landeshauptstadt München. Ein wasserrechtliches Genehmigungsverfahren, das den künftigen Kraftwerksbetreibern 30 Jahre die Kohle sichert. Zumal der Strom nach dem Energieeinspeisungsgesetz zu überhöhten Preisen abgenommen werden muss. Für diese wasserrechtliche Genehmigung gilt eigentlich das Wasserhaushaltsgesetz. Aber wir wissen ja, dass das Gesetz eher weniger zählt, wenn politische und wirtschaftliche Interessen durchgepeitscht werden. Nun, man soll sich nicht mit den Mächtigen und Reichen anlegen, wurde mir heute gesagt. Aber dokumentieren, das kann man. Also dokumentiere ich.

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