16 August 2007

Das Fussballerplakat an der Theatinerkirche: Anschlag auf die Menschenwürde


Gestern war´s also in der Abendzeitung, das Plakat von einem Fußballspieler des FC Bayern an der Theatinerkirche. Ich hatte das Thema schon vergessen, als ich dann zufällig vorbeikam und da ich immer vom Hofgartentor in Richtung Odeonsplatz gehe, konnte ich es auch wahrnehmen, wie die anderen wenigen Leute, die vom Hofgartentor in Richtung Odeonsplatz gehen, .
Natürlich bekam ich eine Wut im Bauch. Das Plakat an diesem Ort ist eine Verletzung meiner Identitätsgefühle. Ein Fussballer an der Bayerischen Kirche, die die zwei von Geburt an im Bayern verankerte Stammesbindungen vereint: Staat und Kirche. Mehr: Der Wunsch nach einem Herrscher, der alle Interessen berücksichtigt und allen ein gemütliches friedliches Leben ermöglicht und der Wunsch nach einer höheren, beschützenden Instanz: Gott mit Dir Du Land der Bayern.
In der Theatinerkirche zeigte mir mein Vater erstmals die Stukkaturen. Ich war überwältigt. So etwas hatten wir in der Dorfkirche nicht. Es handelte sich um Ästethik, nicht um das Plakat. In diesem Jahr beschäftigte ich mich wieder mit der Kirche. Der Fürstengruft der Wittelsbacher. Deren Stars Max Emanuel, König Max Joseph I. und Prinzregent Luitpold. Und den letzten weisen Herrscher, der es formell nicht mehr dazu brachte, aber es drauf hatte, wenn man den Zeitgenossen so zuhört: Kronprinz Rupprecht. Dann sah ich mir die Chorschranke an, die wieder im Original aufgestellt werden soll. Mit den zwei zusammengebombten Evangelisten Lukas und Matthäus.
Die Theatinerkirche ist unsere bayerische Staatskirche. Gegenüber in der Residenzstraße befindet sich die Patronae Bavariae mit dem ewigen Licht. Nirgendwo ist die Verbindung zwischen Staat und Kirche so zu sehen und zu spüren. Das ewige Licht brannte auch während der Nazizeit gegenüber der aufgestellten SS-Wachposten, die den Naziadler zum Andenken an den Hitlerputsch 1923 einrahmten. Die Fassade der Theatinerkirche ist jetzt von einem Werbeplakat mit einem Fussballer eingefasst.
Es ist ein Anschlag auf die Identität und auf die Würde von Menschen. Ein Fussballspieler als Ersatz für die Fassade der Theatinerkirche, als Ersatz für Gott. Ein Fussballspieler als König. Anfänglich spielte ich noch mit dem Gedanken, das Plakat mit einem Kreuz zu übersprühen. Dachte daran, was das für Konsequenzen haben würde. Die bayerische Justiz, die die Großen schützt, also die großen Unternehmen, die CSU und die große bayerische Justiz. Ich dachte daran, dass die Kirche gar nicht mehr so groß sei und dass man niemals seit Hitler eine solche Chance mehr gehabt hätte als Märtyrer zu sterben, indem man beim Übermalen des Plakats mit einem Kreuz von Polizisten des Freistaats Bayern oder einem Anti-Terroristen-Kommando vom Schäuble vorsorglich über den Haufen geballert würde.
Ich rief schon mal meinen Spez´l an, der Malerartikel vertreibt und fragte nach, ob es Sprühpistolen mit starkem Druck gäbe, aber leider musste man da einen Kompressor aufstellen.
Dann überlegte ich, ob ich mir mal das Reichskonkordat reinziehen sollte. Wer wäre denn zuständig für die Kirche. Wäre das Sachbeschädigung? Dann würde es teuer und die bayerische Justiz kennt da kein Pardon, wenn sich einer mit den Großen anlegt.
Aber dann überlegte ich. Die Wut im Bauch verzog sich. Es war klar. Irgendeine Werbeagentur wollte provozieren und hoffte dann auf Menschen, die auf Verletzungen reagieren und sich wehren. Also: Irgendwelche Werbefuzzies im Prenzlberg, Ottensen oder sonst wo hocken zusammen und dann kommt einer drauf. Ja, da gibt es doch die doofen Bayern, die haben doch noch den Papst und den König Ludwig, vielleicht beschwert sich ja der König Ludwig Club, dann sind wir bekannt. Ähnlich wie bei den Mohamed Karikaturen, auf die viele Moslems wütend reagierten. Die wurden dann als dumme Eiferer hingestellt, die von gestern wären. Das ganze Gebläse von Menschen, die einfach nicht verstehen, dass es so etwas wie religiöse Gefühle gibt und kulturelle Bedürfnisse, die über den wöchentlichen Besuch eines Fußballspiels hinaus gehen.
Und ich dachte mir, man sollte es solchen Werbe-Fuzzies nicht so einfach machen. Und forschte mal nach. Ein paar Medien brachten die Nachricht und eine verwies auf die Urheber-Werbeagentur, die DDP Group Germany mit vielen Anglizismen, ein Mischmasch, gemacht von Deutschen ohne Kulturverständnis, wir kenne das aus den neunziger Jahren, da hat das begonnen. Mich hat es dann nicht überrascht, dass der Boss des Ladens Dr. Tonio Kröger ein BWL-Studium mit Schwerpunkt Marketing gemacht hat und sonst nichts. Was erklärt, dass er den Platz vor dem Plakat gar nicht analysiert hat. Aus werbetechnischer Sicht, nicht aus kultureller. Der Besucherstrom des Platzes geht nämlich direkt unter dem Plakat vorbei, von der Theatinerstraße zur Kreuzung. Dieser Besucherstrom bemerkt das Plakat nicht, er müsste sich die Hälse verrenken.
Und die anderen? Die Touristengruppen verstehen die Konnotation nicht. Wissen nichts mit König Ludwig anzufangen. Und auch nichts mit dem Fussballspieler. Weil Fußball den Amis und Japanern nicht so viel bedeutet. Und die Einheimischen? Auch hier Fehlanzeige. Hätten Zeitungen wie die Abendzeitung nichts gebracht, dann wäre den Einheimischen, die dort verkehren, nicht aufgefallen, dass es sich um einen Fußballer handelt. Weil die Einheimischen, die dort verweilen, sich eher weniger für das Fussballspiel am Samstag interessieren als für den Golf-Parcours, die Bergtour oder den Segelnachmittag.
Der Dr. Tonio Kröger muss also ziemlich dumm sein, wenn es um die Medienwirksamkeit geht. Besonders schlau ist er aber im Selbstverkauf. Der getäuschte Auftraggeber Nike hat nämlich nicht bemerkt, dass er viel zu viel Geld für einen schlechten Platz rausgeworfen hat. Er hätte das Plakat lieber in Landshut aufgehängt oder Ingolstadt, wo die ganzen Fussballanhänger leben, die jede Woche in den Norden der Stadt zum Fussballspiel fahren. Dort leben auch noch genügend Menschen, die solche Angriffe auf ihre Identität verstehen und als Verletzung empfinden. In München gibt es davon eher wenige. Die Kulturelite dort versteht sich auch eher aufs Bildersammeln und Bilder-Hin-Und-Her-Verschachern. Weniger auf dem Gebiet des Erhaltens und Schaffens eigener Werte und Überzeugungen. Gäbe es in München eine Kulturelite, hätte schon mal jemand beim Erbischöflichen Ordinariat angerufen und auf andere Möglichkeiten des Fund Raising hingewiesen. Oder das Staatliche Bauamt 1 darauf hingewiesen, dass das eventuell nicht so ganz passt dort. Man hätte dann wahrscheinlich erwidert: "Seid doch froh, dass wir so dumme Werbeagenturen gefunden haben, die dort hingehen, wo keiner hinschaut. Sonst müssten wir ja die Feldherrnhalle anbieten."
Es hätte sich aber vielleicht doch jemand gefunden, der noch weiß, was das ist, Staat Kirche, Königstreue, unser Land. Die einfachen Dinge. Nicht das Faktenwissen, das uns unser SZ-Redakteur Bernd Graff unterbreitet, der nichts verstanden hat. Sondern die wesentlichen.
Ich werde mal anrufen....

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